Kultur : Gerettet und verteilt

Das Jüdische Museum Berlin untersucht in einer Tagung den Umgang mit jüdischen Kulturschätzen nach dem Zweiten Weltkrieg

Bernhard Schulz

Zum Abschluss der bis zum 1. Februar verlängerten Ausstellung „Raub und Res titution“, der bislang besten Darstellung der komplizierten Materie in einem Museum überhaupt (Tsp v. 19. 9. 2008), veranstaltet das Jüdische Museum die Tagung „Kulturgut aus jüdischem Besitz von 1933 bis heute“. Dabei geht es einmal nicht um die von jüdischen Eigentümern geraubten oder abgepressten Kunstwerke, die die öffentliche Diskussion seit Jahren beherrschen. Thema der am heutigen Sonntag mit diversen Fallbeispielen zu Ende gehenden Tagung sind vielmehr jene Kulturschätze, die als „jüdisch“ in unmittelbarem Bezug zur jüdischen Religion und dem Gemeindeleben stehen.

Diese Objekte haben die Nazis mit allem Hass auf das der Vernichtung preisgegebene Judentum in ganz Europa, vor allem aber dessen östlichen Teilen zusammengeraubt. Drei Millionen Objekte fanden sich nach dem Zweiten Weltkrieg allein in der amerikanisch besetzten Zone, wo dem Komplex des jüdischen Kulturgutes die bei Weitem größte Aufmerksamkeit zuteil wurde. Unermüdlicher Antreiber war dabei die Vereinigung „Jewish Cultural Reconstruction“ (JCR), gegründet von New Yorker Professoren um Salo W. Baron von der Columbia-Universität. Gershom Scholem war Mitglied, Hannah Arendt später Sekretärin einer der Unterabteilungen. Die Hauptleistung des JCR ist die Erstellung von „Vorläufigen Listen“ jüdischen Kulturgutes 1946/48, das an den Sammelpunkten Offenbach und Wiesbaden zusammengetragen worden war – und nun verteilt werden musste. Doch an wen?

Das Hauptziel des JCR – und darin unterscheidet sich diese Restitution grundlegend von jener anderer Güter aus jüdischem Eigentum – galt dem Wiederaufbau der jüdischen Kultur. Es dürfte vor allem der rasche Wandel der politischen Situation nach dem Krieg – der Zerfall der Anti-Hitler-Koalition und die Verhängung des „Eisernen Vorhangs“ – gewesen sein, der dieses Vorhaben zunichte machte. Und: 1948 wurde der jüdische Staat Israel gegründet. Auf die Politik gingen die Autorinnen der Grundsatzreferate am Sonnabend nicht ein; vielleicht, weil sie zu stark mit den Einzelheiten des JCR beschäftigt waren und lieber aufs Genaueste nachwiesen, an welche Institutionen herrenlos gewordene Objekte vergeben wurden. Es versteht sich, dass Israel und die Vereinigten Staaten bei Weitem an der Spitze der Empfängerländer standen.

Einigkeit herrschte damals, dass Deutschland – dessen künftige Gestalt zur Haupttätigkeitszeit des JCR bis 1948 noch nicht abzusehen war – vom Nazi-Raub nichts zurückbehalten dürfe. Im neu gegründeten Israel wurde das Empfängerland vor allem der kultischen Objekte gefunden, der Thora-Rollen, die sich im jüdischen Verständnis als geheiligte Gegenstände ohnehin einer musealen Aufbewahrung entzogen. Es wird übrigens mittlerweile diskutiert, ob manche davon nicht an wiedergegründete Gemeinden in Osteuropa zurückgegeben werden sollten.

Auch der besondere Status der heute so zahlreichen Jüdischen Museen kam beiläufig zur Sprache: Sie besitzen, wie Tagungsorganisatorin Inka Bertz formulierte, einen memorialen Charakter als „Zeugen einer zerstörten Kultur“. Ein erstes solches Museum wurde in Vilnius bereits unmittelbar nach der Befreiung 1944 gegründet, doch von den neuen sowjetischen Machthabern alsbald in allgemeinen Archiven inkorporiert.

Der JCR, so hat es Hannah Arendt formuliert, wollte „ein Denkmal der reichen Vielfalt der jüdischen Kultur in Europa“ schaffen. Das Hauptziel jedoch, den Fortbestand vitalen jüdischen Kulturlebens zu befördern, bedeutete schließlich – gegen die ursprüngliche Intention der New Yorker Gründer von 1944 –, Europa zu verlassen. Der Nazi-Terror im besetzten Europa 1939–45 währte vergleichsweise kurz, aber mit fürchterlicher Wirkung.

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