Geschichte eines Außenseiters : Viel Weiß mit Shakespeare

Ein tragischer Internatsroman von Elizabeth Laban mit literarischen Anspielungen.

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Ambitioniertes Romandebüt über einen Außenseiter. Abbildung: Hanser
Ambitioniertes Romandebüt über einen Außenseiter.Abbildung: Hanser

Muss einer der Helden dieser tragischen Geschichte denn wirklich ein Albino sein? Also ein Mensch mit Albinismus, einer angeborenen Störung der Melaninsynthese, die zu heller Haut, hellen Haaren und einer hellen Augenfarbe führt? Und überdies Macbeth mit Nachnamen heißen? Man stellt sich diese Fragen die ganze Zeit bei der Lektüre von Elizabeth Labans Jugendbuchdebüt „So wüst und schön sah ich noch keinen Tag“ – denn nötig wäre das gar nicht gewesen. Die amerikanische Journalistin erzählt die Geschichte eines Außenseiters, von Tim Macbeth, der neu ist auf dem Irving-Internat unweit von New York City, hier das letzte Highschool-Jahr absolviert und wegen seines Albinismus nicht wohlgelitten ist unter den Mitschülern (warum eigentlich nicht?). Außer von Vanessa, die er vor dem Start ins Internatsleben auf dem wegen eines Schneesturms verzögerten Hinflug kennenlernt und in die er sich verliebt.

Die Konstruktion von Labans Roman ist durchdacht – und sie funktioniert. Duncan, der zweite Held, ja, genau, auch nach einer Shakespeare-„Macbeth“- Figur benannt, ein unauffälliger Durchschnittsschüler, ein Jahr jünger als Tim, dieser Duncan besucht ebenfalls das Irving-Internat. Er bezieht das Zimmer, das Tim ein Jahr zuvor bewohnt hat. Tim hat ihm CDs hinterlassen, auf denen er nun berichtet, wie es ihm erging. Schlecht, trotz Vanessa, muss man sagen, weil alles auf einen missglückten, traditionell von Schülern organisierten Ausflug hinausläuft, das „Große Spiel“ genannt.

Der Überbau dieses fein erzählten, einfühlsamen, vage mehr an Donna Tartts „Geheime Geschichte“ denn Musils „Törleß“ erinnernden Romans kommt von Shakespeare: hier ein bisschen Hamlet und King Lear, dort der Unterschied zwischen Tragödie und einem tragischen Ereignis. Geschickt verwebt Laban das alles mit den Handlungen und Gedanken ihrer jungen Helden, die einen Aufsatz zum Thema Tragödie schreiben müssen. Nur hantiert sie eben mit zu vielen Instrumenten. Etwas weniger persönliche Tragik, ein paar weniger dick gepinselte Bilder (Schnee! Albinismus!) hätten ihren Roman noch besser gemacht, womöglich gar mehr Schönheit und Licht im zunehmenden Dunkel verbreitet.

Elizabeth Laban: So wüst und schön sah ich noch keinen Tag. Roman. Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann. Hanser, München 2016. 284 S., 16,90 Euro. Ab 14 Jahren.

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