Geschichte : Musikwissenschaft zur Zeit der Nazis

Das Bachhaus Eisenach erkundet die unrühmliche Rolle der Musikwissenschaft in der NS-Zeit.

Ulrike Mattern

Das Eisenacher Bachhaus ist ein lauschiger Ort. Im historischen Gebäudeteil erklingen Auszüge aus der „Pastorale“ oder dem „Wohltemperierten Klavier“– mit Verweis auf das originale Instrumentarium. Im modernen Anbau trifft der Besucher auf das multimediale Reich des in Eisenach geborenen Komponisten. Seine Werke hüllen einen gleichsam ein; auf einer 180-Grad-Leinwand begegnen dem Besucher eine moderne Balletttruppe, die die „Kunst der Fuge“ interpretiert, sowie der Thomanerchor mit einer Kantate.

In der Umarmung von Vergangenheit und Gegenwart liegt der Reiz dieses Musikermuseums, eins der bestbesuchten in Deutschland. Der Erweiterungsbau, eingeweiht im Mai 2007 Jahren, klebt wie eine Anomalie am malerischen Altbau, in dem Bach weder geboren wurde noch jemals wohnte. 1906 hatte die Neue Bachgesellschaft das Gebäude erworben, sie wollte hier das Lebenswerk des Komponisten für die Nachwelt konservieren, ihn „in sein Reich zurückverpflanzen“.

Da ist es nur konsequent und an der Zeit, dass das Museum sich der Rezeption des imaginären Hausherrn während des Nationalsozialismus stellt – auch wenn das Resultat eher Dissonanzen erzeugt. Auf engstem Raum fokussiert die Ausstellung „Blut und Geist“ den Umgang mit Bach und Mendelssohn im „Dritten Reich“. Außerdem wird jener elitäre Zirkel aus Musikern und Wissenschaftlern beleuchtet, der eifrig dabei mitgemacht hat und das Jahr 1945 oft schadlos überstand. Bis heute finden sich in Lexika und musikwissenschaftlichen Standardwerken Spuren dieser Gesinnungsästhetik.

Plakativ rot und schwarz sind die Farben der Schautafeln. Auf rotem Grund wird die Ideologie nachbuchstabiert, in der die Verehrung Bachs – als „Spitzenprodukt deutscher Kultur“, so der Eisenacher Museumsdirektor Jörg Hansen – mit der Ablehnung und Tilgung Felix Mendelssohn Bartholdys einherging. Diesem ist, mit schwarzen Tafeln, der Raum im Obergeschoss gewidmet. Die Überhöhung des einen, der 1750 starb, lässt sich nicht begreifen, ohne die Abwertung des anderen zu thematisieren, der 1809 in eine jüdische Familie hineingeboren und wenig später protestantisch getauft wurde.

Die politische Gesinnung von Künstlern und Akademikern kontrollierten die 1933 von Joseph Goebbels gegründete „Reichsmusikkammer“ sowie das von Alfred Rosenberg geleitete „Amt Musik“. Vertreter der Neuen Bachgesellschaft wie Peter Raabe, Arnold Schering und Karl Straube profitierten von der staatlich sanktionierten Prämisse „deutscher Überlegenheit“ und „jüdischer Bedrohung“. Das geistliche Kantatenwerk Bachs, als „Gebrauchslyrik“ absichtlich missverstanden, dichtete man kurzerhand um. So mutierte „das jüdische Land“ im Weihnachtsoratorium zu „der Väter Land“, aus „Zion“ wurde „die Seele“. Und nicht dass sich derlei Eingriffe ins Werk nach Kriegsende von selbst verbaten: Noch in den 70er Jahren ließ Erhard Mauersberger – früher im „Kampfbund für deutsche Kultur“ tätig, ab 1946 Professor in Weimar, dann Thomaskantor in Leipzig – das Wort „Israel“ aus einer Bach-Motette verschwinden.

Ihren Höhepunkt erreichte die Verehrung des als „rein nordisch“ geltenden Komponisten im Juni 1935: auf dem Reichs-Bach-Fest in Leipzig. Das Gewandhaus, Ort des Festkonzerts, war 100 Jahre zuvor die Wirkungsstätte Mendelssohns gewesen, der mit der Wiederentdeckung der Matthäus- Passion die europäische Bach-Renaissance einleitete. Jetzt galt sein Œuvre als lästiger „Zwischenfall“ der Musikgeschichte – wortmächtig vorbereitet von Wagners Hetzschrift über das „Judentum in der Musik“ 1850.

Auch Mendelssohns „Sommernachtstraum“ sollte nicht mehr gespielt werden. Eine neue Musik musste her, dem von den Nazis verehrten Shakespeare zuliebe, 30 Komponisten machten sich freiwillig ans Werk. Es wäre gefahrlos möglich gewesen, den Auftrag abzulehnen, wie Museumsdirektor Hansen betont. Immerhin: Ein Sympathisant wie Hans Pfitzner weigerte sich, aus Ehrfurcht vor Mendelssohn. Der Opportunist Carl Orff aber erhielt für seine Version 5000 Reichsmark.

Die Profiteure unter den Musikwissenschaftlern waren zum Teil bis in die Gegenwart publizistisch tätig. In Vitrinen ist ihre „braune Literatur“ präsent. Otto Schumann etwa veröffentlichte 1940 „Die Geschichte der deutschen Musik“; in den 80er Jahren folgten Standardwerke wie „Der große Konzertführer“ und das „Handbuch der Klaviermusik“. Quellen belegen, dass einige Autoren – darunter Hans Schnoor – ihre antisemitischen Ausführungen zu Mendelssohn weiter verbreiteten („Musikwunder ohne seelische Substanz“). Wolfgang Boetticher, beteiligt an der Konfiszierung jüdischen Eigentums, lehrte bis 1998 an der Universität Göttingen. Er habe das alles, sagt Hansen, bei der Aufarbeitung der Ausstellung als sehr bedrückend empfunden. Das Wissen darum kann unsere Sinne nur schärfen, auch für die Musik.

Bachhaus Eisenach, Sonderausstellung „Blut und Geist“: Bach, Mendelssohn und ihre Musik im Dritten Reich. Tägl. 10 – 18 Uhr, bis 8. November. www.bachhaus.de

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