Kultur : Geschichten aus der Heimat

Die Shortlist des Deutschen Buchpreises

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Wer in den letzten Wochen die Literaturseiten der Feuilletons aufmerksam studiert hat, dem dürften die wichtigsten, viel gepriesenen Bücher dieser Herbstsaison nicht entgangen sein. Allen voran Eugen Ruges DDR-Familienroman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, dicht gefolgt von Sibylle Lewitscharoffs „Blumenberg“ mit dem Philosophen Hans Blumenberg in der fiktiven Hauptrolle sowie Jan Brandts mutig-ambitioniertem, über 900 Seiten zählenden Ostfrieslandpanorama „Gegen die Welt“.

Insofern ist es keine Überraschung, dass diese drei Romane nun auch auf der Shortlist für den mit 25 000 Euro dotierten Deutschen Buchpreis 2011 stehen, der am 10. Oktober im Frankfurter Römer verliehen wird. Auf die drei anderen Romane dieser Shortlist hätte man allerdings kaum Wetten abgeschlossen. Wiewohl auch sie keine großen Überraschungen darstellen. Besonders die Wahl von Michael Buselmeisers schönem kleinen Künstler- und Heimatroman „Wunsiedel“ folgt der Auswahllogik der Jury, nach der sie auch bei der Longlist verfahren ist: Außenseitern eine Chance geben, kleine Verlage fördern, so wie den Heidelberger Wunderhorn Verlag, wo Buselmeier erscheint. Entdeckungen machen!

Angelika Klüssendorf mit ihrem DDR- Kindheitsroman „Das Mädchen“ und erst recht die österreichische Schriftstellerin Marlene Streeruwitz mit „Die Schmerzmacherin“ gehören dagegen schon wieder zum Literaturestablishment. Beide setzten sich gegen Autoren und Autorinnen mit guten Shortlist-Chancen wie Antje Rávic Strubel, Judith Schalansky oder Navid Kermani durch.

Dass Wilhelm Genazino nicht in die engere Auswahl kommen würde, war eh’ klar. Als Büchner-Preisträger braucht Genazino keinen Deutschen Buchpreis mehr. Dass aber Peter Kurzeck mit „Vorabend“, dem fünften, fulminantesten Teil seiner autobiografischen Chronik „Das alte Jahrhundert“ nicht dabei ist, das hat was Verschlingeltes. Dem 68-Jährigen wünscht man endlich ein noch viel größeres Publikum. Wiewohl Kurzeck natürlich auch eher in die Kategorie Büchner-Preis gehört. Nur wird er den vermutlich nie bekommen, warum auch immer.

Am Ende muss man kein großer Prophet sein, um sehen zu können, wer den Deutschen Buchpreis unter sich ausmachen wird: Eugen Ruge, gegen den nur spricht, dass Uwe Tellkamp vor drei Jahren schon mit einem DDR-Familienroman reüssiert hat. Sibylle Lewitscharoff, gegen die gar nichts spricht, außer dass vielleicht mal wieder ein Mann dran ist (nach Melinda Nadj Abonji 2010 und Kathrin Schmidt 2009). Und Jan Brandt, gegen den nur Eugen Ruge und Sibylle Lewitscharoff sprechen. Gerrit Bartels

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