Geschwister Scholl : Wir haben die Wahl

Versuch über das Gewissen: Erinnerung an die Geschwister Scholl und Lobrede auf Joachim Gauck.

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Der Sturm. Die Stasi-Zentrale in der Berliner Normannenstraße am 15. Januar 1990.Fotos:
Der Sturm. Die Stasi-Zentrale in der Berliner Normannenstraße am 15. Januar 1990.Fotos:Foto: ullstein bild

Die Geschwister Scholl und ihre Mitstreiter stehen für eine Tugend, die in der Geschichte unseres Landes öfter beschworen als bewiesen worden ist. Für die Verteidigung der Freiheit, wenn die Freiheit in Gefahr oder abgeschafft ist, für geistige Unabhängigkeit und für den Mut, am Anspruch auf die Freiheits- und Bürgerrechte festzuhalten – auch wenn die Einlösung dieser Rechte aussichtslos erscheint.

Was befähigte diese jungen Leute, mitten im Krieg Flugblätter zu verteilen, die die Hitler-Diktatur „grauenvollster, jegliches Maß unendlich überschreitender Verbrechen“ anklagten? Sahen sie nicht voraus, dass sie von Roland Freislers Volksgerichtshof zum Tode verurteilt würden? Nahmen sie das Risiko bewusst in Kauf? Sie hatten nicht ihre Kommilitonen und Professoren hinter sich, folgten nicht den Vorgaben einer Partei oder Ideologie, sie waren Einzelne, die sich zusammenschlossen und einer rätselhaften Instanz gehorchten: ihrem Gewissen.

Wir ehren heute einen Mann, der dem Beispiel der Geschwister Scholl unter den ganz anderen Bedingungen der DDR-Diktatur folgte. Joachim Gauck hat sich dem kommunistischen Regime von Anfang an verweigert. Auch er war nicht geleitet durch eine Organisation oder ein Programm, auch er begann als Einzelkämpfer. Zweifellos hat ihm bei seinem Aufbegehren gegen die Gleichschaltung des Denkens, Fühlens und Verhaltens seine Erdung als Pastor in Rostock Halt geboten.

Allerdings zeigte die evangelische Kirche in der DDR ein Doppelgesicht: An ihrer Basis kann sie auf eine imponierende Reihe tapferer Pastoren und Pastorinnen verweisen, aber es gab auch Geistliche, vor allem in den höheren Etagen der Hierarchie, die mit dem Regime paktierten. Ein zwiespältiges Bild, das uns auch aus dem „Dritten Reich“ bekannt ist. In Wahrheit, so bekennt Joachim Gauck, studierte er nicht Theologie, weil er sich dazu berufen fühlte, sondern weil dieses Studium das einzige war, das ihm einen geistigen Freiraum gewährte.

Da ist sie wieder: die rätselhafte, irgendwie erklärungsbedürftige Instanz „Gewissen“. Aus welchen Quellen nährt sie sich? Was war zuerst: Der Glaube oder die eher instinktive Auflehnung gegen Lüge und Unterdrückung?

In Gaucks Jugend gab es ein Ereignis, das seine Haltung zum real existierenden Sozialismus prägte. Im Juni 1951 wurde der Vater des damals 11-Jährigen von zwei Männern abgeholt. Jahrelang erfuhr die Familie nichts über sein Schicksal. Bis die Mutter herausfand, dass er wegen angeblicher Spionage und antisowjetischer Hetze (letzterer Vorwurf bezog sich auf den Besitz einer nautischen Zeitschrift aus dem Westen) zu zweimal 25 Jahren verurteilt und in ein Arbeitslager nach Sibirien verschleppt worden war. Im Oktober 1955 kehrte der Verschleppte dank der Moskauer Verhandlungen zurück.

„Das Schicksal unseres Vaters“, schreibt Gauck in seiner Autobiografie „Winter im Sommer, Frühling im Herbst“, „wurde zur Erziehungskeule. Die Pflicht zur unbedingten Loyalität gegenüber der Familie schloss auch die kleinste Form von Fraternisierung mit dem System aus.“ Also doch alles nichts als frühe Prägung? Glück im Unglück gehabt, könnte ein zynischer IM Gauck vorhalten: Durch das extreme Unrecht, das seiner Familie widerfuhr, war er von Anfang an gegen die Versprechen und Lügen des Systems geimpft. Wenn wir diesem Erklärungsmuster bis zu Ende folgen würden, dann gäbe es keinen zwingenden Grund, einen Stasi-Spitzel anders zu beurteilen als einen Joachim Gauck. Dann wären er – und womöglich auch der Stasi-Spitzel – durch eine quasi automatische Konditionierung gelenkt, und der Mutige, der gegen den Strom schwamm, hätte genauso wenig eine Wahl gehabt wie der Feige, der für seinen Verrat Honorare und Orden entgegennahm. Martin Luthers Satz: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ wäre nicht das Ergebnis eines geistigen Ringens mit Gott und Teufel in seiner Wittenberger Turmstube, sondern eines vorgegebenen Programms. Dasselbe würde für die Geschwister Scholl gelten und für alle Helden, die ihr Leben im Kampf für die Freiheit riskiert haben und es heute – in Afrika, China, der Sowjetunion und im Iran – immer noch riskieren und oft genug verlieren.

Ich stelle diese Überlegungen an, weil sie uns auch von der neueren Gehirnforschung zugemutet werden. Neurobiologen wie Benjamin Libet und John-Dylan Haynes hinterfragen unsere Gewissheiten über die Freiheit des Willens. Sie wollen nachweisen können, dass chemische Prozesse im Gehirn der Entscheidung zu einer Handlung um Sekundenbruchteile vorausgehen. Wer einen politisch Verfolgten für eine Nacht aufnimmt, hat demnach genauso wenig eine Wahl wie der andere, der ihm die Tür vor der Nase zuschlägt. Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen – nachträglich! – was wir tun.

Auf verblüffende Weise findet diese Philosophie ihr Echo in dem Verständnis vieler Politiker für die Mitläufer und die Spitzel der DDR-Diktatur. Es waren ja nicht wenige, die großzügig eingestanden, sie wären vielleicht auch IMs geworden, wenn sie in der DDR aufgewachsen wären. Woher diese populäre Neigung, sich selber in vorauseilender Zerknirschung zum potenziellen Denunzianten zu erklären und quasi ein Naturrecht zur Kollaboration einzuklagen, statt sich etwas Zivilcourage zuzutrauen? Wir im Westen hatten gute Gründe, uns selbstgerechter Urteile über die „Brüder und Schwestern“ in der DDR zu enthalten. Wir waren dieser zweiten Diktatur nicht ausgesetzt. Aber eine Demokratie, die sich nicht mehr erlaubt, zwischen den Handlangern und den Standhaften in einem unterdrückerischen Systems zu unterscheiden, begibt sich der Werte, auf die sie zählen muss. In diesem Sinn gibt es nicht nur ein Recht, sondern eine Pflicht zum Urteil.

Noch einmal: Was befähigte Joachim Gauck zu seinem zähen, lebenslangen Aufbegehren? Reichte die frühe Prägung aus, auch alle Folgen seiner Haltung zu ertragen? Zu ertragen, dass seine Kinder nicht studieren durften, jedenfalls nicht die Fächer, die sie studieren wollten? Zu sehen, wie sein älterer Bruder, der sich, weil auch ihm das Studium verweigert wurde, mühsam vom Seemann zum Ingenieur hochdiente und dann nicht weiterkam, weil er auf die Frage, ob er Parteimitglied sei, die Antwort gab, er fühle sich „nicht reif“ dafür? Gab sie ihm die Kraft, die linken Westbesucher zu ertragen, die ihm klarmachen wollten, dass er im besseren Deutschland lebte? Half sie ihm darüber hinweg, dass Willy Brandt, Adressat seiner Hoffnung, den Kontakt zu Dissidenten in der DDR und zu Lech Walesa vermied, um seine Entspannungspolitik nicht zu gefährden? Worauf hoffte er? Auf die Reformierbarkeit des Systems? Auf ein Überschwappen des permanenten Aufruhrs in Polen?

Tatsächlich birgt Gaucks Beharrlichkeit, ja Verstocktheit etwas sehr Polnisches, fast Katholisches – eine Unbeirrbarkeit, die von der SED, aber auch von den Gewerkschaften und von bundesdeutschen Linken als irrationale, reaktionäre Hitzköpfigkeit verurteilt wurde, als Gefährdung des „Weltfriedens“.

In den Jahren nach der Niederschlagung des Arbeiteraufstands 1953, der Niederschlagung des Ungarnaufstands 1956, dem Bau der Mauer 1961, nach der Niederwalzung des Prager Frühlings 1968 und dem Jaruzelski-Putsch in Polen 1981 wird Joachim Gauck oft der Verzweiflung nahe gewesen sein. Die wohl schmerzlichste Prüfung: Seine im Ungehorsam gegen das Regime erzogenen Kinder verließen eines nach dem anderen ihr Elternhaus und gingen in den Westen. Gauck, der Dableiber, der Hoffnungsstarke, der Tröster, er war selber mitunter trostlos.

Nicht alle Kinder, deren Väter vom stalinistischen Geheimdienst entführt wurden, haben sich wie Joachim Gauck verhalten. Einige schwiegen sich über das Verhängnis aus, andere resignierten, wieder andere wurden Parteigänger. Nein, es gibt kein ein für alle Mal durch chemische Vorgänge im Gehirn vorbestimmtes Verhalten. Gauck musste sein Verhalten jeden Tag im Streit mit sich und seinen Nächsten neu bestimmen, musste sich unzählige Male zwischen Anpassung und Widerstand entscheiden und auch Kompromisse eingehen. Die Neurobiologen können uns nicht sagen, welche Mixtur aus Prägungen, inneren Kämpfen, Überzeugungen und Ich-Idealen jenen ominösen Sauerstoffandrang im Gehirn verursacht, der – vielleicht vor einer bewussten Entscheidung – zu einer Handlung führt: zur Unterwerfung oder zum Aufbegehren.

Ja, wir haben eine Wahl! Und müssen annehmen, dass es wohl doch jene rätselhafte Instanz in unserem Innern gibt, die man das persönliche Gewissen nennt.

Selbstverständlich kannte auch Joachim Gauck die Angst, das Bindemittel jeder Diktatur. Aber öfter als andere hat er dieser Angst widerstanden. Und als immer mehr Menschen 1989 aus dem Gefängnis der Angst ausbrachen, als sie einander mit ihrem Mut ansteckten und in das Hauptquartier der Angstmacher, in Mielkes Stasi-Zentralen einbrachen, da war er einer der ersten, der dem Jubel und dem Freiheitsdrang Ausdruck und Richtung geben konnte.

Vielen im Westen gilt „Freiheit“ längst als eine Phrase, ein Ritualwort von Politikern. Wer aber mit dem Begriff Freiheit nichts mehr anzufangen weiß, kann ziemlich sicher sein, dass er im Besitz der Freiheit ist. Und diesen Besitz leicht verspielen kann, da die Freiheit kein abgeschlossenes Projekt ist und sich verliert, wenn sie nicht immer neu erkämpft und erweitert wird. Diejenigen aber, die die einfachsten Freiheitsrechte entbehren, wissen in der Regel genau, was ihnen fehlt.

In den USA hat es sich bewährt, den Neubürgern zu vertrauen, die sich mit frischem Elan die schal gewordenen Versprechen der amerikanischen Verfassung aneignen. In diesem Sinn wünsche ich uns, dass wir uns von Joachim Gaucks Begeisterung für die Freiheit anstecken lassen.

Joachim Gauck wurde vor einer Woche in München mit dem Geschwister- Scholl-Preis geehrt. Der Schriftsteller Peter Schneider hielt die Laudatio, die wir hier in einer gekürzten Version drucken. Gauck, 70, erhielt die mit 10 000 Euro dotierte Auszeichnung für sein Buch Winter im Sommer – Frühling im Herbst (Siedler Verlag). Der Pastor, Bürgerrechtler und frühere Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde war im Juni für das Amt des Bundespräsidenten nominiert.

Peter Schneider, 70, lebt in Berlin. Zuletzt erschien bei Kiepenheuer & Witsch sein autobiografisches Buch Rebellion und Wahn.

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