Kultur : Gespenster-Debatte

KAI MÜLLER

Das Unbehagen war Frank Castorf am Sonntag im Anschluß an eine Aufführung seiner Inszenierung von Sartres Balkan-Drama "Schmutzige Hände" deutlich anzumerken. "Feindbild Serbien" hieß die im (überfüllten) Foyer der Berliner Volksbühne initiierte Podiumsdiskussion zwischen Gregor Gysi, Castorf und der Belgrader Dramatikerin Biljana Srbljanovic und dem Dramaturgen Nenad Prokic. Statt mit den vom Thema zuallererst betroffenen beiden serbischen Intellektuellen einen Dialog zu suchen, erging sich vor allem Castorf in selbstgewissen historischen Exkursen über Titoismus, Stalinismus und ein wolkiges Verständnis für die Position des Präsidenten Milosevic. Was man in der Volksbühne offenbar gar nicht hören wollte, war die offene Abrechnung der serbischen Autorin und des Dramaturen mit Karadzic und Milosevic: in denen die Besucher aus Belgrad weniger verwandelte Ex-Kommunisten oder überzeugte Nationalisten sehen wollten als vielmehr um Macht und persönliche Bereicherung besorgte Despoten. Mangels Nachfrage oder Interesse erfuhr man so auch wenig über die Chancen einer demokratischen Alternative und möglichen Wende in Jugoslawien.

Während Castorf und Gysi über eine systematische Friedensverweigerung der europäischen Union monologisierten, wirkten Srbljanovic und Prokic deprimiert, daß die Bombardierung Serbiens zunächst nur zur Verelendung und weiteren Schwächung der Opposition beigetragen habe. Die Nato habe auch keineswegs einen Sieg errungen, da sie den Frieden im Kosovo allein mit Waffengewalt nicht garantieren könne. Wirtschaftshilfe und eine beschleunigte europäische Integration seien die letzte Chance der Balkanstaaten und ihrer Volksgruppen. Bisher jedoch, darin trafen sich die Belgrader mit der Einschätzung Gysis, spüre man in den ärmeren Anrainerstaaten der EU vor allem die Ausgrenzung durch Brüssel und den Westen.

So schlug um Mitternacht am Rosa-Luxemburg-Platz die Stunde der Verschwörungstheorien. "Serbien ist uns vollkommen fremd", bemerkte Castorf, "deswegen sagt der Krieg gegen dieses Land vor allem etwas über uns selbst aus." Balkankrieg und serbischer Nationalismus, das sind für ihn Symptome eines globalen Kulturkampfes: Aus den Trümmern des jugoslawischen Tito-Staats seien die Keimzellen des Widerstands gegen einen schrankenlos expandierenden Kapitalismus hervorgewachsen. Sie haben sich in einer Person wie Slobodan Milosevic manifestiert. These zwei: Jugoslawien sei nach dem Zusammenbruch des Ostblocks ein Störfaktor gewesen, der den Machtinteressen Europas zuwiderlief. "Es gab ein Interesse an der Spaltung", rief Gysi. So wird aus dem Diktator Milosevic, den der Westen als Feindbild aufgebaut habe, im linken, nach-stalinistischen Weltbild der Dämon einer westlichen Ausgrenzungspolitik. Die Gespenster, die sie zu vertreiben hofft, kehren als Ungeheuer zurück.

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