Gesperrte Youtube Videos : Leider nicht verfügbar

Viele Musikvideos sind auf Youtube gesperrt. Warum eigentlich? Die Gema will dafür nicht verantwortlich sein.

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Da ist er wieder, der zerknirscht dreinschauende rote Quadrat-Smiley mit dem schiefen Mund. Anstelle des neuen Coldplay-Videos "Every Teardrop is a Waterfall" ploppt dieser nervige Zeitgenosse im Youtube-Player auf. Daneben in großer weißer Schrift auf schwarzem Hintergrund der Hinweis, der bei vielen Nutzern der Internetplattform inzwischen mittelschwere Wutausbrüche verursacht: "Leider ist dieses Video in Deutschland nicht verfügbar, da es Musik enthalten könnte, für die die Gema die erforderlichen Musikrechte nicht eingeräumt hat. Das tut uns leid." Zahlreiche Musikvideos werden auf dem Video-Portal in Deutschland nicht angezeigt. Das ist seit Jahren so. Seit einigen Wochen allerdings scheint dafür ein neuer Schuldiger gefunden: die Verwertungsgesellschaft Gema, die in Deutschland die Rechte von Komponisten und Textdichtern vertritt. Die allerdings will davon nichts wissen.

Unsinn sei das, sagt Bettina Müller aufgebracht. Die Gema-Sprecherin erklärt seit Wochen, warum ihre Gesellschaft gar kein Interesse daran hat, Videos zu blockieren. "Wir haben bislang keine Videos auf YouTube gesperrt", sagt Müller. Die Gema nimmt Geld für die Nutzung von Musiktiteln ein und schüttet es an ihre 64 000 Mitglieder in Deutschland aus. Es sei doch im Interesse der Urheber, dass die Musik genutzt werde, argumentiert Müller. Aber: "Wir müssen dafür sorgen, dass die Musiknutzung angemessen vergütet wird, dazu sind wir gesetzlich verpflichtet."

Und da wird es interessant. Seit mehr als zwei Jahren liegen die Gema und Youtube, das seit 2006 zu Google gehört, im Streit. Damals lief ein Vertrag aus, der die Vergütung für die gezeigten Videos regelte. Seither können sich beide Parteien nicht auf eine neue Regelung einigen. Laut Gema, weil Youtube nicht genug zahlen will, laut Google, weil die Forderungen der Gema übertrieben sind. "Die Gema hat ein Vielfaches von dem verlangt, was international üblich ist", sagt Google-Sprecher Kay Overbeck.

Die Positionen scheinen festgefahren, eine Lösung des Konflikts momentan weiter entfernt denn je. Und die Gema gerät mehr und mehr unter Druck. Schon zwei Mal hat die Hacker-Gruppe Anonymous die Internetseite der Verwertungsgesellschaft lahmgelegt. Zudem ist der Internetriese Google ohnehin kein angenehmer Gegner. Und kürzlich haben auch noch die Deutschland-Chefs der großen Plattenfirmen Sony und Universal die Gema im "Spiegel" scharf kritisiert und dazu aufgefordert ihre Blockadehaltung aufzugeben: Sie führe dazu, dass den Künstlern und Musikkonzernen Einnahmen in Millionenhöhe entgingen, behaupteten sie. Ein reiner Verteilungskampf sei das, hält die Gema dagegen, mehr Geld für die Urheber bedeute weniger für die Künstler und Plattenfirmen. "Wenn wir das bekämen, was die Labels von Youtube erhalten, wären wir sehr zufrieden", sagt Müller.

Die Sperrung der Videos aber will niemand veranlasst haben. Auffällig ist, dass meist Neuerscheinungen betroffen sind, die hohe Aufmerksamkeit erregen - teilweise obwohl die Künstler selbst den Link zum Video (der meist direkt zu Youtube führt) auf ihrer Website platzieren. Ein System ist nicht erkennbar. Beispielsweise kann man die Videos früherer Coldplay-Hits wie "Viva la Vida" oder "Clocks" problemlos ansehen. "Es sind Werke von Urhebern gesperrt, die teilweise nicht mal bei der Gema Mitglied sind", sagt Bettina Müller. Häufig kommt es vor, dass Videos zwei, drei Tage gesperrt sind und dann wieder freigegeben werden.

Die Unregelmäßigkeit spricht eher gegen die Gema, da über 90 Prozent des auf Youtube gezeigten Musikmaterials für sie relevant ist. Da es derzeit keinen Vertrag gibt und die Urheber folglich kein Geld erhalten, müsste die Gema im Grunde das gesamte Material in Deutschland sperren lassen. Da die Verwertungsgesellschaften weltweit Gegenseitigkeitsverträge abgeschlossen haben, nimmt die Gema auch Geld für ausländische Urheber ein, wenn deren Werke in Deutschland aufgeführt werden.

Ob die Forderungen an Youtube übertrieben sind, lässt sich schwer beurteilen, da vor den Verhandlungen Stillschweigen vereinbart wurde. Offenbar scheitern diese schon an der grundsätzlichen Frage, ob pauschal oder nach einzelnen Aufrufen bezahlt werden soll. Nach Angabe von Google schwebt der Gema ein Model vor, in dem Youtube für jedes angeklickte Video einen Centbetrag abführt. "Das ist schier unmöglich", sagt Google-Sprecher Overbeck. Minütlich würden 48 Stunden neues Material auf Youtube hochgeladen. "Für uns wäre das ein Verlustgeschäft, das könnten wir nie über Werbung refinanzieren." Für erfolgreiche Bands ginge das, für unbekannte Musiker allerdings nicht. "Da müssten wir sagen: Ihr könnt bei uns nicht mehr gezeigt werden."

Dass Youtube, deren Mutterkonzern Google allein im ersten Quartal einen Gewinn von 2,3 Milliarden Dollar erwirtschaftet hat, mit musikalischer Vielfalt argumentiert, ist einigermaßen überraschend. Möglicherweise geht es um etwas viel Zentraleres: ob Youtube für die Plattforminhalte überhaupt verantwortlich ist. Wenn Youtube sagt: Wir stellen nur die Plattform zur Verfügung, mit den Inhalten haben wir nichts zu tun, könnte das ein Grund für die offenbar extrem verschiedenen Vorstellungen einer angemessenen Vergütung sein.

Die Gema hat Youtube im vergangenen Jahr verklagt, eine einstweilige Verfügung für 600 Werke wurde vom Landgericht Hamburg abgewiesen. Nun steht ein Hauptsacheverfahren für zwölf Werke an, die repräsentativ für das Spektrum der Gema stehen. Für Google ist das nicht verständlich. "In allen anderen Ländern sind wir mit den Verwertungsgesellschaften einig geworden", sagt Overbeck. "Wir haben über 20 Verträge in 33 Ländern geschlossen. Nur in Deutschland nicht." Die Gema hingegen argumentiert, dass andere Verwertungsgesellschaften zwar Verträge geschlossen hätten, sie jedoch bei der Klage unterstützten.

Der Streit dauert an. Solange er dauert, warten die Urheber auf ihre Vergütung - und der rote Quadrat-Smiley treibt weiter sein Unwesen.

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