Kultur : Gesten in Granit

Frank Peter Jäger

Eigentlich geht es um Architektur, doch am Eingang zur Ausstellung "Baustelle Estland" ist erst einmal Landeskunde fällig: Wo Estland liegt, wieviel Prozent des Landes mit Wäldern bedeckt sind und wie hoch das Bruttoinlandsprodukt ist. Wie die Nachbarn Lettland und Litauen seit dem Zerfall der Sowjetunion wieder unabhängig, ist Estland jetzt mit einer Auswahl seines Bauschaffens zu Gast in der Akademie der Künste - eine Zwischenbilanz nach zehn Jahren der wiedererlangten Autonomie.

Das Land am finnischen Meerbusen ist bei der Erfüllung der EU-Beitrittskriterien schon jetzt weiter als etwa Tschechien oder Polen, und so ist es kein Wunder, dass die rund zwanzig vorgestellten Architekturbüros seit 1991 neben Wohnhäusern vor allem Geschäfts- und Industriebauten verwirklichen konnten: Banken, Autohäuser, Produktionshallen und Repräsentanzen westlicher Firmen. Dass diese Bauten nach dem Erwachen aus mehr als 50 Jahren planwirtschaftlicher Lethargie gerne mit Insignien wirtschaftlicher Potenz versehen werden, ist verständlich, aus baukünstlerischer Sicht aber ernüchternd. Die meisten der neuen Einkaufszentren, Luxushotels und Bürotürme lassen sich wohl am besten als ambitionierte Developer-Architektur charakterisieren: Der gestalterische Anspruch wird in Form heftig gewellter Glasfassaden herausgestellt. Die großen Gesten sind fast immer in Unmengen von poliertem Granit, verspiegeltem Glas und Edelstahl verpackt. Ein Großteil der Projekte lässt insbesondere zwei Schwächen erkennen: Unsicherheit bei der Materialwahl und einen wenig ausgeprägten Sinn für verfeinernde Details.

Für die wunderbar schlichten Wohnhäuser des Büros Urbel Ja Peil Arhitektid gilt das allerdings nicht, sie huldigen der kargen Ästhetik der "Weißen Moderne" und erinnern teilweise bis ins Detail an Villen von Mies van der Rohe. Beide Phänomene, das der Übertreibung und das der Imitation, deuten darauf hin, dass die estnischen Baumeister erst noch dabei sind, eine der neuen Zeit entsprechende architektonische Sprache zu finden. So sieht es auch Katalog-Autor und Architekt Vilen Künnapu: "Die neue Architektur ist erst im Werden begriffen."

Wie eine zeitgemäße und dabei regionalspezifische baltische Baukunst aussehen könnte, zeigt das 1994 gegründete Büro "3+1". Die Inhaber, drei Architekten des Jahrgangs 1970, zählen bereits eine estnische Auslandsvertretung, eine Zentralbibliothek sowie ein halbes Dutzend Wohnhäuser zu ihrem Werk - ein nicht unüblicher Blitzstart im Nachwende-Estland. Mit ihrem Elan rannten die Junioren bei neureichen Investoren wie bei öffentlichen Bauherren offene Türen ein. Dabei setzt das Team auf traditionelle und unspektakuläre Materialien wie Holz, Ziegel und Kalkstein. In den puristischen Landhäusern und Verwaltungsbauten bleibt viel Platz für wohldimensionierte, oft raumhohe Fenster. Eine ländliche, zeitlose Moderne, weder bieder noch protzig. Es wird spannend sein, wie mit den Jahren die Handschrift solcher Nachwuchstalente reift.

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