Kultur : Gestiefelte Männer, barfüßige Frauen

HORST KOEGLER

"Bartók-Bilder" nennt John Neumeier sein Triptychon, das von keinem Geringeren als von Hamburgs Generalmusikdirektor Ingo Metzmacher höchstpersönlich dirigiert wird.Kein Wunder, bündelt es doch drei konzertante Hauptwerke Béla Bartóks, der für Metzmacher einer der fünf großen Komponisten dieses Jahrhunderts ist, nämlich die "Tanzsuite" von 1923, die "Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta" von 1936 und das sieben Jahre jüngere "Konzert für Orchester".Für alle drei Ballette zeichnet John Neumeier als Choreograph verantwortlich, Bild und Kostüme hat Hans-Martin Scholder entworfen - und es ist dieses Dreierteam Metzmacher, Neumeier und Scholder, das die integrale Dichte des Abends verbürgt.

Als Produktion rangieren diese "Bartók-Bilder" eindeutig in der Tradition der Hamburger Mahler-Ballette von Neumeier, mit deren besten Hervorbringungen sie es sehr wohl aufnehmen können - um Klassen überlegen Neumeiers verkrampftem "Hamlet" und seinen anämischen "Bernstein Dances" jüngsten Datums.Der Abend in der Hamburgischen Staatsoper beginnt auf der in reinen Farben gehaltenen, leicht verkanteten, durch ständige Veränderung ihrer Wandflächen direkt in die Choreographie einbezogenen Bühne mit einem Reihenauftritt der sechzehn beteiligten Damen des Hamburger Balletts, die barfuß ihre mäandrischen Linien ziehen und dabei wie eine moderne Variante des berühmten Entrées im Schattenakt von "Bayadère" wirken: ein kongenialer Einfall zu Bartóks Auffächerung des Fugenthemas.Der zweite Satz gehört dann ganz den gestiefelten, ziemlich martialisch sich gebärdenden Männern, während die Anführer der beiden Gruppen, Laura Cazzaniga und Ivan Urban, den dritten Satz für sich beanspruchen.In diese mystische Beschwörung der Nacht hat Neumeier eine höchst problematische Episode eingebaut, indem er sie von einzelnen Tänzern des Corps akkompagnieren läßt, die lateinische und griechische Buchstaben sowie Zahlen in riesenhafter Ausfertigung als plastische Dekorteile herbeischleppen.Sie lassen in ihrer Isolation keinerlei Sinn erkennen.Der vierte Satz gipfelt dann in einer grandiosen Apotheose.Choreographiert ist das in einem flüssigen, musiksensiblen, um zahlreiche Anleihen beim Modern Dance bereicherten Klassizismus, dessen tänzerische Präzisierung in künftigen Aufführungen sicher noch an Uniformität gewinnen wird.Die im Mittelpunkt des Abends stehende "Tanzsuite" ist musikalisch viel folkloristischer geprägt als die voraufgehende, ganz und gar vergeistigte "Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta" und hört sich in ihrer knappen Konzentration wie ein Abstraktum des "Wunderbaren Mandarin" an.Entsprechend schärfer, kantiger und expressiver hat Neumeier seine Choreographie angelegt: wie einen surrealistischen Magritte-Spuk, wobei eine Tür eine wichtige Rolle spielt: die Assoziation zu Bartóks "Herzog Blaubarts Burg" ist nicht zu übersehen.Einem auf seinem Bett seinen erotischen Träumen hingegebenen jungen Mann erscheint aus dem Nichts heraus eine Frau, sozusagen ein weiblicher Rosenkavalier."Nachtskizzen" nennt Neumeier diese Phantasmagorie, die eine weitere magyarische Assoziation suggeriert, wenn die Frau mit einem Glas Wasser erscheint und den Poeten einer Art Taufe unterzieht - wie Arabella, wenn sie am Schluß die Treppe herunterkommt mit ihrem "Das war sehr, sehr gut, Mandryka ..."

Maximiliano Guerra, internationaler Stargast aus Argentinien, und Anna Polikarpova machen daraus einen elektrisierenden erotischen Fight, der das Stück unvermeidlich in die Nachbarschaft von Cocteau/Petits "Le jeune homme et la mort" katapultiert - mit dem Unterschied allerdings, daß diese "Nachtskizzen" direkt aus der Musik Bartóks abgeleitet sind, während dem Cocteau-Petit-Duo die Musik Bachs nachträglich übergestülpt worden ist.Die abschließenden "Winterwege", Neumeiers choreographische Version des "Konzert für Orchester", ist dann abermals ein großes Kompagniewerk für ein Pas-de-deux-Paar, Heather Jurgensen und Lloyd Riggins, sechs Solisten und neun plus neun Gruppentänzerinnen und -tänzer.Hier nun hat Neumeier seine klassizistische Choreographie in farbenfrohen Kostümen am stärksten mit folkoristischen ungarischen Elementen angereichert, am fröhlichsten und ansteckendsten in den Soli und Duos mit den beiden Bubenicek-Zwillingen.Wenn Bartók selbst die Satzfolge dieses Konzerts als einen schrittweisen Übergang vom Ernst des ersten Satzes zur Lebensbejahung des Schlußsatzes bezeichnet hat, so hat Neumeier diesen ernsten Grundton gewissermaßen als Cantus firmus durch alle fünf Sätze beibehalten: eine befremdende legendäre Entrückung, indem er eine mysteriös verschleierte weibliche Gestalt mit langer Schleppe - die man in diesem Zusammenhang als ein spukhaftes Burgfräulein interpretiert - gehen läßt.Sie wirkt wie eine Reminiszenz an den Prolog zu "Herzog Blaubarts Burg" ("Der Wimpernvorhang unserer Augen ist geöffnet.Wo ist die Bühne: draußen oder drinnen?").Wenn Neumeier im Finale die Kompagnie in großen Sprung-Manegen die Bühne umkreisen läßt, ist der Spuk wie verflogen, sind Jurgensen und Riggins in Alltagskleidern ganz dem Hier und Heute zugewandt, krönt das Hamburger Ballett in einer strahlend weißen Siegesfeier das Silberjubiläum seiner Existenz.

Wieder am 16., 17.und 18.Januar.

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