Kultur : Gesundheit: Schein-Wettbewerb

Rainer Woratschka

Sie nennen sich Gesundheitskasse, doch in der Realität sind sie längst das Gegenteil. In den Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) dominieren die Alten und die chronisch Kranken, und das mit steigender Tendenz. Dasselbe Problem haben die Ersatzkassen. Seit der Gesetzgeber den gesetzlich Versicherten vor fünf Jahren seine Wettbewerbsfreundlichkeit unter Beweis stellen zu müssen glaubte und ihnen unbegrenzte Wahl-und Wechselfreiheit auch zu billigen Betriebskrankenkassen (BKK) ermöglichte, ist das soziale Schutzsystem trotz korrigierenden Finanzausgleichs in eine unübersehbare Schieflage gerutscht.

Abtrünnig geworden sind den großen Kassen nämlich fast ausschließlich ihre Lieblingsmitglieder. Der typische Kassenwechsler, so das Resümee der Professoren Eberhard Wille und Karl W. Lauterbach in einer jüngst veröffentlichten Studie, ist jung, gut verdienend und gesund - und er verursacht gerade einmal 50 bis 60 Prozent der durchschnittlichen Kassenausgaben. Diese Erkenntnis, kombiniert mit den offenbar unvermeidlichen Ausgabensteigerungen durch höheres Lebensalter und medizinischen Fortschritt, macht die Abwanderung für die betroffenen Kassen so alarmierend: Seit 1996 schrumpften die AOK um sechs Millionen, die Ersatzkassen um sieben Millionen Mitglieder. Parallel dazu erhöhte sich der Marktanteil der BKK von zehn auf 17 Prozent.

"Yuppie-Kassen", schimpfen die Konkurrenten, aber sie fühlen sich hilflos und in einem Teufelskreis. Je mehr jung-dynamische Mitglieder ihnen von der Fahne gehen, desto größere Löcher reißt die Versorgung der verbliebenen Problemfälle. Das bedeutet steigende Beitragssätze, die wiederum die jung-dynamische Klientel abschrecken. Deren Motiv ist ja nachvollziehbar: Je höher das Arbeitseinkommen unter der Bemessungsgrenze, desto größer der Zugewinn bei einem Kassenwechsel.

Ein Mindestbeitragssatz von 12,5 Prozent hätte die BKK für "Rosinenpicker" ein wenig unattraktiver gemacht. Auf Kosten des Wettbewerbs, sagten die Grünen und brachten ihn zu Fall. Von fairem Wettstreit könne doch längst keine Rede mehr sein, kontern hingegen die großen Kassen. "Die chronisch Kranken fallen hinten runter." Und wer daran nichts ändere, verzerre genau den Wettbewerb, den er zu fördern vorgebe.

0 Kommentare

Neuester Kommentar