Kultur : Gewissen aus Passion

Judaica gegen das Vergessen: zum 80. Geburtstag des Berliner Verlegers Gerhard Hentrich

Hermann Simon

Obwohl er heute im Grunde ein Einmannbetrieb ist, sind die letzten Programme seines Verlages Hentrich & Hentrich immer noch beeindruckend. Da gibt es neben der wissenschaftlichen Reihe des Centrum Judaicum, deren erste Bände in diesem Jahr erscheinen werden, die Reihen „Jüdische Memoiren“ und „Jüdische Miniaturen“. Und überhaupt: Was hat Gerhard Hentrich, der heute in der Heimatstadt Berlin seinen 80. Geburtstag feiert, nicht alles verlegt, wo er doch mit seinem Programm zu keiner Zeit Geld verdienen wollte und konnte.

Erst das hat ihm vermutlich die Freiheit gegeben, fast alle Forschungsprojekte, die die Geschichte von Juden in Berliner Bezirken betreffen, mit Büchern zu begleiten. Er veröffentlichte Arbeiten über Spuren jüdischen Lebens in Neukölln, in Pankow und Weißensee. Große Beachtung hat der zum Standardwerk avancierte Band „Exil Shanghai“ gefunden. Und persönlich unvergessen ist das von Andreas Nachama und mir herausgegebene Buch über die jüdischen Friedhöfe Berlins.

Verleger zu werden, war ihm nicht in die Wiege gelegt. Behütet aufgewachsen, legte Hentrich 1942 am Paulsen-Realgymnasium die Reifeprüfung ab. Gleich danach wurde er zum Militär eingezogen und im April 1944 schwer verwundet. Seinen Wunsch, Jura zu studieren, konnte er nicht verwirklichen. Die Nationalsozialisten erlaubten es ihm nicht, weil er eine „Halbjüdin“ zur Mutter hatte. Seinen Vater zwang man zur Zwangsarbeit in die Organisation Todt.

Unmittelbar nach Kriegsende, das für die Familie Hentrich eine wirkliche Befreiung war, eröffnete der Vater Albert Hentrich zusammen mit seinem Sohn Gerhard in Berlin-Steglitz einen kleinen Druckereibetrieb. Hentrich junior begann eine Druckerlehre, Mitte der 50er Jahre wurde die Druckerei erweitert und zog in die Steglitzer Albrechtstraße. Hier entstand 1981 auch die Edition Hentrich.

Das Herstellen und Herausgeben von Büchern, die nationalsozialistische Verfolgung thematisieren und helfen, dieses Unrecht nie zu vergessen, wurden Hentrich zur Passion und Verpflichtung zugleich. In der nun schon über 14-jährigen Zusammenarbeit habe ich immer wieder Hentrichs erstaunliches Engagement für sein Erinnerungsprogramm erlebt. Es möge ihm noch lange erhalten bleiben.

Der Autor ist Direktor der Stiftung Neue Synagoge Berlin-Centrum Judaicum.

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