Kultur : Gib mir deinen eigenen Senf!

Kant ist Kult in Kaliningrad: In seiner Heimtatstadt kennt jeder den Philosophen – eine nicht repräsentative, dafür aber um so erstaunlichere Umfrage vor Ort

Stefanie Flamm

Es ist schon lange kein Brautpaar mehr am Kalinindenkmal gewesen. Auch zur russischen „Mutter Erde“ am Leninprospekt gehen sie nur noch selten. Für frisch Vermählte gehört es in Kaliningrad, dem einstigen Königsberg, zum guten Ton, vor dem Grab Immanuel Kants fürs Familienalbum zu posieren. Der Philosoph bekommt dann immer Blumen, manchmal lassen die Eheleute auch gleich den ganzen Brautstrauß vor den roten Tuffsteinsäulen der Stoa Kantiana am Dom.

Kant ist Kult in Kaliningrad und das nicht erst, seitdem sein runder Todestag naht. Fast 13 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion hat er in der russischen Enklave, die in wenigen Monaten vom erweiterten Europa umschlossen sein wird wie eine Insel, eine Bedeutung, die man nicht begreift, wenn man nur nach seinem philosophiehistorischen Rang fragt. Man findet seine Texte zwar selten in den ohnehin wenigen Buchhandlungen der Stadt, aber jeder kennt hier seinen Namen. Der „Kategorische Imperativ“ wird als Trinkspruch serviert, die „Kritik der praktischen Vernunft“ kursiert in Form eines Witzes: „Was treibst du hier, Genosse?“, fragt der Milizionär den Penner, der den ganzen Tag vor dem Bahnhof säuft. „Ich betrachte den bestirnten Himmel über und das moralische Gesetz in mir.“ Die preußische Aufklärung als gesunkenes Kulturgut in Russland: Die hauptamtlichen Kantianer, die dieses Frühjahr aus aller Welt zu einer Konferenz nach Kaliningrad reisen, müssten angesichts der Popularität des im Westen zu Grunde analysierten Denkers vor Neid erblassen. Selbst die Verkäuferinnen auf dem Kolchosmarkt haben von dem Deutschen gehört. Kant sei für den Frieden gewesen, sagt die dralle Georgierin, die mit Walnüssen handelt. Irina Ostrogratska, Direktorin des Stadtmuseums, hält Kant für ein Vorbild, das einem helfe, die Selbstachtung nicht zu verlieren. Der Schriftsteller Alexander Popadin nennt ihn den „ersten wahren Europäer“. Und würde man einen Tag damit verbringen, die Kaliningrader nach Kant zu befragen, hätte man genug Material für eine volksnahe Kurzbiografie zusammen. Der „Königsberger Philosoph“ erschiene darin weniger als übermenschlicher Geistesriese, denn als fleißiger, etwas pedantischer, aber freundlicher Mensch, als Feinschmecker, der seinen Senf selber rührte, als Mann, sein Werk mit eiserner Disziplin vollendete, ohne je eine Frau geküsst zu haben.

Wenn der Philosophieprofessor Leonid Kalinnikow sagt, Kant sei heute aktueller denn je, sagt er zwar, was im Moment alle sagen. Aber hier hat es eine andere Bedeutung. „Kant, der uns gelehrt hat, nur auf uns selbst zu hoffen“, füllt die Lücke, die der Marxismus-Leninismus hinterlassen hat. Während an anderen Orten des Putin-Reiches schwülstiges Russentum und ein neuer Hand zum alten Autoritarismus das Bedürfnis nach geistigen Dingen befriedigen, sucht Kaliningrad bei dem preußischen Aufklärer, dessen Grabmal 1945 eher zufällig mitannektiert wurde, trotzig nach Orientierung. Niemand weiß, was nach der EU-Osterweiterung aus der Stadt werden wird. Moskau äußert sich nicht, und auch Kant kann den Menschen nichts sagen. Er ist nicht der Kapitän der orientierungslos vor der Küste Europas dümpelnden MS Kaliningrad, sondern ihre Galionsfigur. Als der „gute Deutsche“ zeigt er, dass Kaliningrads Wurzeln und möglicherweise auch seine Zukunft im Westen liegen. Aber das war natürlich nicht immer so.

Kurz nach dem Krieg konnte man in der „Faust an der Ostsee“ mit ihm nicht viel anfangen. „Kapierst du nun Alter, dass die Welt materiell ist“, soll ein Rotarmist auf seine Grablege gepinselt haben. Kant hatte vor den Zeitläuften versagt. Hekatomben von Toten waren der Beleg dafür, dass man durch freiwillige Festlegungen keine gültige Moral schaffen kann. Und hätte ein Leserbriefschreiber in der „Izwestja" nicht darauf hingewiesen, dass dieser Kant einst von Friedrich Engels als Rationalist geschätzt wurde, wäre er wie damals alles Deutsche mit dem Bannstrahl belegt worden. So aber konnte er in die Ahnreihe des historischen Materialismus aufgenommen werden. 1974, anlässlich seines 250.Geburtstages, eröffnete ein Kant-Museum in Kaliningrad und ein entsprechender Lehrstuhl. 1990, kurz vor dem Ende der Sowjetunion, gründete Leonid Kalinnikow, mittlerweile das Kant-Faktotum der Stadt, seine Kant-Gesellschaft. Aber deren Ziel bestand schon nicht mehr darin, die Vereinbarkeit von Kant und Kommunismus zu beweisen. Und es liegt eine gewisse Ironie darin, dass der Vorläufer von Hegel, Marx und Lenin heute wie ein Resozialisierungsratgeber für den Homo Sowjeticus rezipiert wird. Doch andererseits, warum soll ein Mann, der die Menschheit herausführen wollte aus der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“, nicht den Weg aus dem Sozialismus weisen können? Die Frage ist bloß, wohin dieser Weg die Kaliningrader führt.

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