Kultur : Gift und Ehre

Marcel Reich-Ranicki ist Ehrendoktor der FU

Philipp Lichterbeck

Der Dalai Lama hat 43, Umberto Eco hat 17. Sogar Alt-Kanzler Helmut Kohl hat mehr als 20 und schlägt damit Alt-Kanzler Gerhard Schröder, der bisher nur vier sammeln konnte. An einen gewissen Theodore Hesburgh werden sie aber alle nicht herankommen. Der US-Theologe hatte 150 und ist Rekordhalter. Marcel Reich-Ranicki darf seit Montag einen mehr sein eigen nennen, hat aber insgesamt nur sieben. Über den siebten ist der Literaturkritiker aber „eigentlich sehr glücklich“, weil er ihn in Berlin erhalten hat und „diese Stadt mich besonders prägte“.

Die Rede ist vom Ehrendoktor. Die Freie Universität Berlin verlieh den Titel Reich-Ranicki für sein Engagement um die deutsche Literatur, als „Kuppler zwischen Büchern und Lesern“, für seine klare Sprache „ohne Mayonnaise“, wie der Germanist Rolf-Peter Janz in der Laudatio sagte. Reich-Ranicki bedankte sich mit der autobiographischen Betrachtung „Berlin und Ich“: Erinnerungen an die Reichshauptstadt der 30er Jahre, vor allem wie ihn das Theater von Gustaf Gründgens am Gendarmenmarkt begeisterte, weil da der Geist der Weimarer Republik noch geweht habe. „Es hat etwas unendlich Wichtiges geleistet“, sagte Reich-Ranicki: „Kräftezuwachs“. Er sprach frei, beeindruckte mit seinem Gedächtnis, sprühte vor rhetorischem Esprit.

Doch Studenten saßen so gut wie keine im Hörsaal 1a der FU-Silberlaube. Die Plätze waren reserviert für Professoren, Politiker, Medienmächtige, Bundeswehrgeneräle und deren Frauen. Und sie wurden nicht nur Zeugen einer Würdigung, sondern auch eines akademischen Hahnenkampfs. Denn Universitätspräsident Dieter Lenzen nutzte die Veranstaltung, um den Erbfolgestreit der FU mit der Humboldt-Universität zu befeuern. Er wies auf die „Ungeheuerlichkeit“ hin, dass die Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität den Abiturienten Reich-Ranicki 1938 nicht zum Germanistikstudium zuließ, weil er Jude ist.

In den Gebäuden der Friedrich-Wilhelms-Universität ist heute die Humboldt-Universität zu Hause. Die Aufforderung des Herausgebers der „FAZ“, Frank Schirrmacher, Reich-Ranicki die Ehrendoktorwürde zu verleihen, soll die HU negativ beschieden haben. Die FU, die sich mit der HU seit Jahren um das Erbe der Friedrich-Wilhelms-Universität streitet (es geht auch um die Inanspruchnahme der Nobelpreisträger), erfüllt nun also – so Lenzens Lesart – die Pflicht der HU und macht gut, was 1938 verbrochen wurde. Der 85jährige Reich-Ranicki, der nie studieren konnte, ließ es sich gefallen, sprach davon, dass ihm der FU–Ehrendoktor eine „Genugtuung“ sei. Die Universität unter den Linden habe er seit 67 Jahren nicht betreten.

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