Kultur : Giganten im Porzellanladen

Die Globalisierung treibt die Preise nach oben: Gegenwartskunst, Klassische Moderne und Asiatika sind die Favoriten

Matthias Thibaut

Das große Konsumfest ging 2005 weiter – lustiger denn je. Christie’s, einer der beiden internationalen Giganten, wird im nächsten Jahr eine Umsatzsteigerung von über 30 Prozent auf 3,2 Milliarden Dollar bekannt geben. Der Kunstmarkt erzielt Umsätze wie noch nie. Diejenigen, die glauben, Kunst entfalte sich im kommerzfreien Raum am schönsten, müssen zähneknirschend zusehen, wie Kunst und globaler Kapitalismus fusionieren. Sogar Kunsthändler wundern sich. Die Londoner Galeristin Sadie Coles bedauert zum Beispiel, dass heute nicht mehr Museumsausstellungen, sondern Messen und Auktionen die ganze Aufmerksamkeit der Kunstwelt auf sich ziehen.

Dabei gab es weniger Hyperpreise. Kein Picasso, der über 100 Millionen Dollar stieg wie 2004, kein Rubens, der am Ende mehr als 70 Millionen Dollar kostete. Nun folgen die Preise auf breiter Front nach. Sotheby’s hatte wieder den teuersten Picasso. Aber „Femmes d’Algers“ kostete nur 18,6 Millionen Dollar. Fast ebenso teuer war Max Beckmanns „Selbstporträt mit Kristallkugel“ mit 16,8 Millionen Dollar. Die beiden teuersten modernen Kunstwerke waren Skulpturen: Brancusis „Oiseau dans l’espace“ (27,4 Millionen Dollar bei Christie’s im Mai) und „Cubi XXVIII“ von Davis Smith, dem Jackson Pollock der amerikanischen Plastik, mit 24 Millionen im November bei Sotheby’s.

Doch nicht nur Moderne und Nachkriegskunst sind gefragt: Den Spitzenpreis des Jahres erzielte der „Downing Street Canaletto“, eine Venedigvedute, die einmal dem britischen Premier Robert Walpole gehörte und im Juli bei Sotheby’s in London 33 Millionen Dollar kostete. Der anonyme Telefonbieter zählt offensichtlich zu der wachsenden Schar von Superreichen, die bereit sind, für Ausnahmewerke jeden Preis zu bezahlen. „Wie viel Yachten kann einer denn kaufen?“, fragt Tobias Meyer, Contemporary-Chef bei Sotheby’s, „Wer heute wirklich Geld hat, kommt um Kunst nicht mehr herum.“ So stieg die Liste der „1 Million Dollar plus“-Werke bei Sotheby’s auf 313, bei Christie’s auf 257.

Bei Christie’s kam das teuerste Werk aus dem 14. Jahrhundert. 27 Millionen Dollar bot der Londoner Händler Giuseppe Eskenazi für ein Porzellangefäß aus der Yuan-Dynastie. Es gab eine Altmeisterzeichnung von Andrea del Sarto für 11 Millionen Dollar. Sogar für alte deutsche Kunst wurden Preise bezahlt, von denen man vor ein paar Jahren nur träumen konnte: Ein Reiher-Paar aus der berühmten Tiermenagerie des Meißener Modelleurs J. J. Kändler kostete in Paris plötzlich 5,6 Millionen Euro (fast 7 Millionen Dollar) und vervierfachte den Höchstpreis für deutsches Porzellan.

„Der Markt steigt, weil es viel mehr Reiche gibt, die weltweit um die besten Kunstwerke wetteifern“, erklärt Christie’s-Generaldirektor Ed Dolman den Preisschub. Früher boten Amerikaner und einige wenige Europäer. Nun sind Neureiche aus China, Indien, Russland und Südamerika dazugestoßen, die Kunst aus den alten Sammlungen der Emigranten und Kolonialherren zurückkaufen. Nichts hat sich in den letzten zwei Jahren so phänomenal verteuert wie die russische Kunst.

Doch in zwei Marktsegmenten, bei chinesischer Kunst und Contemporary Art passiert etwas Neues: Ein wirklich globaler Markt ist entstanden. „Journalisten denken immer, chinesische Kunst ist teuer, weil sie von Chinesen zurückgekauft wird. In Wahrheit ist chinesische Kunst teuer, weil sie international gesammelt wird“, erklärt Eskenazi. Die 27 Millionen Dollar für das Porzellangefäß zahlte ein westlicher Sammler. Nach eigener Aussage platzierte Eskenazi 2005 chinesisches Porzellan für weit über 100 Millionen Dollar in westlichen Sammlungen.

Noch breiter umspannt der Handel mit Contemporary Art den Globus. Anfang Dezember eröffnete der „asiatische Saatchi“, Ci Kim, die größte zeitgenössische Galerie Pekings – Kunst auf 3000 Quadratmetern. In der Eröffnungsschau wurden fünf chinesische und sieben deutsche Künstler gezeigt – darunter Immendorff und Polke, aber auch Neo Rauch und Daniel Richter. Schon 2004 vermarktete Ci Kim junge deutsche Kunst erfolgreich in Seoul: „In den letzten Jahren haben sich koreanische Sammler mehr für Gegenwartskunst aus dem Westen als für moderne koreanische Kunst interessiert“, berichtet Sunhee Choi, Mitarbeiterin der Londoner Chinese Contemporary Gallery, die ihrerseits mit wachsendem Erfolg chinesische Kunst an europäische Sammler verkauft.

So vollzieht sich in der Contemporary Art die globale Konvergenz der Geschmackskriterien und der Vertriebssysteme. Die Galerien sind immer enger miteinander vernetzt. Betritt in Berlin ein viel versprechender junger Künstler das Parkett, taucht er im nächsten Moment auch schon in Galerien in New York, Los Angeles und Seoul auf. Die globale Nachfrage treibt die Kunst der globalen Trendkünstler schneller höher als je zuvor. 308 500 Euro erzielte Christie’s im Oktober für ein erst 2003 gemaltes Interieur von Matthias Weischer, 177 000 Euro kostete Tim Eitels „Mondrian (Blau/Weiß)“ – von beiden Malern war noch nie zuvor ein Bild versteigert worden.

Contemporary Art ist zum Accessoire der Superreichen geworden. Deshalb wird die Mehrzahl der Kunstwerke auf den Millionenlisten heute von der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts gestellt. Bei der alten Kunst steigen nur beim Besten die Preise, während die breite Basis schrumpft. Die Contemporary Art wächst dagegen in alle Richtungen. Welche Auswirkungen es hat, wenn sich unter dem Druck dieser konvergierenden Nachfrage ein internationaler Stil durchsetzt und die Augen der Welt erobert wie einst Coca-Cola die Geschmacksnerven, das ist die spannendste Frage, die der Kunstmarkt für das Jahr 2006 bereithält.

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