Gijs Leenaars und der Berliner Rundfunkchor : Lob der Nebensonnen

Mit seinem Projekt „Nordic Light“ bringt Gijs Leenaars, der neue Chef des Berliner Rundfunkchors, das Berliner Kosmos Kino zum Klingen

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Gijs Leenaars, Leiter des Berliner Rundfunkchors, fotografiert vor dem Kino Kosmos in der Karl-Marx-Allee in Berlin-Mitte.
Gijs Leenaars, Leiter des Berliner Rundfunkchors, fotografiert vor dem Kino Kosmos in der Karl-Marx-Allee in Berlin-Mitte.Foto: Thilo Rückeis TSP

In arktischen Breiten kann man sie mit etwas Glück sehen, beim Blick aus dem Flieger: geisterhaft grünliche Schlieren hängen am nächtlichen Himmel, unendlich kalt, unendlich schön. Ein Anblick, bei dem – buchstäblich – sofort einleuchtet, warum Polarlichter bei den Nordvölkern als magisch gelten. Und als schaurig. In der Mythologie spielen sie eine Zwitterrolle, verweisen auf Glück und Unheil. Botschaften der Götter, Tänze der Trolle, Brücken ins Jenseits, Vorboten der Apokalypse hat man in ihnen gelesen. Dabei handelt es sich doch „nur“ um elektrisch geladene Partikel des Sonnenwinds, die auf die Erdatmosphäre treffen.

In Berlin sind Polarlichter selten. Aber wer in einer klaren Nacht Ende Juni, also zur Sommersonnenwende, über die Warschauer Brücke zieht und mal kurz zum Himmel blickt, der merkt, dass auch Berlin ganz schön weit nördlich liegt. Selbst um zwei Uhr morgens lagert dann nämlich ein Lichtstreif am Horizont, wird die Nacht nicht komplett dunkel.

In dieser Woche rückt Berlin noch ein Stück weiter nach Norden. Am Samstag und Sonntag nämlich führen der Rundfunkchor Berlin und das Deutsche Symphonie-Orchester im ehemaligen Kosmos-Kino an der Karl-Marx-Allee die Sinfonie „Nordic Light“ des lettischen Komponisten Eriks Esenvalds auf.

Beide Abende leitet Gijs Leenaars, der neue, junge Chefdirigent des Chors, der 2015 die Nachfolge von Simon Halsey angetreten hat. Wir treffen uns im – passt ja wunderbar zum Polarlicht – „Green Room“ der Philharmonie, wo Leenaars gerade probt, um ein wenig über das Werk zu sprechen. Das kann man mit ihm ganz zwanglos, denn der Mann hat Humor. Als der Autor fünf Minuten zu spät eintrifft, antwortet er auf die entschuldigenden Worte: „Gar kein Problem, ich bin Holländer. Reiner Zufall, dass ich schon da bin!“

Wie klingen Polarlichter?

Eine Multimedia-Symphonie auf mehreren Ebenen soll es werden, Film inklusive. Logisch, beim Polarlicht bietet es sich an, es auch visuell zu zeigen. Drei Jahre hat der Komponist Alaska, Grönland und Island bereist. Begleitet wurde er von dem Filmemacher Kjetil Skogli, der traditionelle Erzählungen und Gesänge der Einheimischen aufgezeichnet hat. Wie also „klingen“ Polarlichter? Eine Celesta kommt zum Einsatz, die DSO- Streicher spielen sul ponticello, also mit dem Bogen sehr nah am Steg, was zu einer gewissen Schärfe führt und die Obertöne anregt. Der Rundfunkchor ist mit Body Percussion gefordert und streicht mit den Fingern über den Rand von Gläsern. Klirrende Kälte.

Dabei folgt der Abend einer tieferen Dramaturgie. Zunächst stehen zwei ebenfalls von der Natur inspirierte Stücke auf dem Programm: „The Unanswered Question“ von Charles Ives und James MacMillans „Sun-dogs“, benannt nach dem englischen Begriff für „Nebensonnen“. Also erst erklingt das Orchester alleine, dann der Chor a cappella, schließlich die Synthese mit „Nordic Light“.

Leenaars will vor dem Publikum präsent sein

Dass Gijs Leenaars sowohl Chor als auch Orchester dirigiert, ist relativ ungewöhnlich. Sein Vorgänger Simon Halsey hat sich, was das betrifft, stärker zurück gehalten und das Schicksal eines Chorleiters akzeptiert: wochenlang zu proben, um am entscheidenden Abend den Stab an den Orchesterdirigenten zu übergeben und selbst in die Unsichtbarkeit abzutreten. Leenaars aber, Jahrgang 1978, gehört zu einer anderen Generation, will auch vor Publikum präsenter sein. Und er hat beides in Amsterdam studiert, Chor- wie Orchesterleitung. Von 2012 bis 2015 leitete er den Chor des Niederländischen Rundfunks (Groot Omroepkoor) in Hilversum, wo er zehn Jahre vorher – Überraschung! – Assistent von Simon Halsey gewesen war. Sein Antrittskonzert beim Rundfunkchor im September 2015 legte er auf 22 Uhr. In der Passionskirche am Marheinekeplatz dirigierte er ein spannendes Programm mit Werken von Heinrich Schütz und Arnold Schönberg.

Seit einigen Monaten lebt er jetzt mit seiner Familie am Gleisdreieck-Park. Vor allem für seine Frau war der Umzug nicht leicht, denn die Italienerin hatte sich gerade in den Niederlanden eingelebt und musste nun ein zweites Mal die Heimat wechseln. Welche Erfahrungen hat der Neuberliner noch gemacht? Außer der, beim Radeln über Rot gleich mal 60 Euro aufgebrummt zu bekommen – was für einen Holländer eine grundstürzende Erfahrung ist. „Im Hilversumer Chor haben sich die Nationalitäten stärker gemischt, was tatsächlich, wegen der verschiedenen Muttersprachen, eine Auswirkung auf den Klang hat“, erzählt er. Ansonsten sei er aber extrem froh über die Vorarbeit von Chordirektor Hans Rehberg und Simon Halsey: „Der Rundfunkchor singt auf Weltniveau. Ich konnte sehr hoch einsteigen.“ Dabei arbeitet er direkter als Halsey, hält nicht mit Kritik zurück, die er aber nie persönlich meint – was alle im Chor auch wissen. Erleichtert habe er festgestellt, dass Humor, solange er intelligent ist, im täglichen Arbeitsprozess kein Problem darstellt, in Berlin schon mal gar nicht.

Der Dirigent ist offen für neue Konzertformate

„Nordic Light“ hat der Rundfunkchor mit fünf Partnerchören in Auftrag gegeben. Von der Idee, die Sinfonie im Kosmos Kino aufzuführen, war Leenaars begeistert: „Der Ort ist cool, es gibt eine Leinwand, und dann heißt das Ganze auch noch ,Kosmos'!“ Die Bestuhlung wird wegräumt, die Besucher können sich frei im Raum bewegen oder auf Sitzkissen niederlassen. Ein Arrangement, das an „human requiem“ erinnert, einen der größten Erfolg des Rundfunkchors in den letzten Jahren, mit dem er seither in vielen europäischen und sogar asiatischen Städten aufgetreten ist. Hier durchmischen sich Chor und Publikum frei flottierend zu Brahms „Ein Deutsches Requiem“ in der Fassung für Klavier zu vier Händen, die die Wirkung des Gesangs sehr unmittelbar und berührend zur Geltung kommen lässt.

Solche Projekte sind Teil des von Hans Rehberg und Simon Halsey entwickelten „Broadening the Scope of Choral Music“Programms, mit dem neue Zuhörerschichten für Chormusik erschlossen werden sollen, durch spannende, innovative, lockere und weniger ritualbelastete Konzertformen. Gijs Leenaars will das Programm fortführen, ohne das Erfolgskonzept von „human requiem“ blind zu kopieren: „Wenn wir so etwas wieder machen, muss es schon inhaltlich begründet sein“, sagt er. Erst war Leenaars skeptisch gegenüber solch experimentellen Formaten, bei denen sich die Chorsänger gegenseitig nur eingeschränkt sehen und hören. Doch die fein ausgetüftelte Choreographie hat auch ihn überzeugt. „human requiem“ hat er jetzt selbst schon mehrfach dirigiert.

16. und 17.4., jeweils 21 Uhr, weitere Infos: www.rundfunkchor-berlin.de

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