Kultur : "Gino Severini und der Tanz 1909/16": Futurismus im Dreivierteltakt

Bernhard Schulz

Mit dem italienischen Futurismus verbindet sich die Vorstellung von rauschhafter Technikbegeisterung, von der Ästhetik der Maschine, für die der große Propagandist der Bewegung, F.T. Marinetti, 1909 den seither stets zitierten Vergleich geprägt hat, "ein Rennwagen" sei "schöner als die Nike von Samothrake." Umso erstaunter muss der Besucher der Peggy-Guggenheim-Sammlung in Venedig jetzt feststellen, dass Gino Severini als einer der führenden Maler dieser Richtung mitnichten an Hand der Technik, sondern am Thema des Tanzes seine Auffassung des Futurismus entfaltet und zur Reife geführt hat.

Die Ausstellung "Gino Severini und der Tanz, 1909 - 1916" ist eine jener kammermusikalischen Veranstaltungen die die Guggenheim-Filiale am Canal Grande seit der Hinzunahme eines benachbarten Hauses vor einigen Jahren anbieten kann - klein im Umfang, in Räumen, die ehedem Zimmer waren, aber ungemein fundiert und aussagekräftig. Die Ausstellung führt 50 Arbeiten Severinis und 40 Werke anderer Künstler zu einem Rundblick auf die Begeisterung für Tanz, Ballhäuser, Kabarett zusammen, die im Europa der Vorkriegszeit allgemein war. Zudem rekonstruiert die jetzige Veranstaltung in weiten Teilen die Ausstellung Severinis in einer führenden Londoner Galerie 1913 und ruft ins kunsthistorische Gedächtnis zurück, wie stark der Künstler Pariser Anregungen der Jahrhundertwende aufgegriffen und verarbeitet hat.

Möglich wurde die Zusammenstellung der Ausstellung nur, weil die Guggenheim-Filiale selbst zwei der bedeutendsten Tanz-Darstellungen Severinis hütet: eine aus dem Besitz der Patronin Peggy Gugenheim, die andere aus der Sammlung Mattioli, die seit wenigen Jahren als Dauerleihgabe in Venedig weilt, weil sich an ihrem Heimatort Mailand keine Institution zu einer angemessenen Präsentation verstand. Mit Ausstellungen wie der zu Severini wird diese Leihgabe fruchtbar gemacht, und so konnte eine Inkunabel des Futurismus wie das großformatige Gemälde des "Bal Tabarin" aus dem New Yorker MoMA hinzugewonnen werden.

Das Bild sprengt fast die Dimension der intimen Räume, während der Auftakt mit Georges Seurats papierblattkleiner Vorstudie zu seinem Hauptwerk "Le Chahut" von 1889 fast zu übersehen wäre, handelte es sich nicht um einen derartigen künstlerischen Fanfaraenstoß. Seurats "wissenschaftliche" Malmethode wahrt eine Distanz zum Sujet, die Severini beibehält. So kommt das Paradox zu Stande, dass das Interesse, ja bei Severini die ans Obsessive grenzende Begeisterung für Tanz und Konzertcafé nur die Folie bildet, auf der sich die Entwicklung formalästhetischer Probleme vollzieht.

Rückkehr zum Gegenstand

Severini greift den Pointillismus Seurats, das Aneinandersetzen einzelner Farbpunkte, zunächst auf, zerstört dann aber die bis dahin gültige Einheit von Ort und Zeit innerhalb des Gemäldes mit dem - erst 1994 wiederentdeckten - Werk "Erinnerungen einer Reise", um die so erreichte Simultaneität der Ansichten im erwähnten Hauptwerk "Dynamische Hieroglyphen des Bal Tabarin" auf das Tanz-Thema zurückzulenken. Severini greift die Errungenschaften des Kubismus auf, findet aber bei Robert Delaunay jene abstrakten Farbformen, die ihm in "See = Tänzerin" die Abkehr vom Gegenstand ermöglichen. Die Drehungen der Tanzenden verschmelzen mit dem Geflirr der Meereswellen zu einer einzigen Dauerbewegung, deren Essenz, die von der Momentaufnahme gelöste Dynamik, der Künstler festhält.

Severini wurde allerdings nicht zum Abstrakten, er kehrte zum Gegenstand zurück; überhaupt hatte er ja die ersten Jahre seines Paris-Aufenthaltes ab 1906 als Illustrator von Tanzveranstaltungen bestritten. Ein ungewöhnliches Werk ist die "Ausdrucksvolle Tänzerin" von 1915, tatsächlich eine Assemblage mit einer auf die Leinwand montierten, wie ein Hampelmann an Fäden zu bewegenden Figurine. Diesen Ansatz, tatsächliche Bewegung in die Malerei zu integrieren, teilt Severini mit vielen Futuristen - um ihn ebenso schnell wieder zu verwerfen, als er erkannte, dass die Konsequenz in der bloßen Verdoppelung vorhandener Maschinen liegen müsste, die Aufgabe der Malerei hingegen in der Visualisierung unter anderem von Bewegung im Gebrauch von Linie und Farbe besteht.

Severinis Tanz-Bilder werden in Venedig ergänzt durch Arbeiten europäischer Avantgardekünstler, darunter des Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner. Severini allerdings hat das Sujet des Tanzes, den damals Isadora Duncan und Loïe Fuller so ungemein populär machten, wie kein zweiter zum Gegenstand einer facettenreichen künstlerischen Entwicklung gemacht. Diese Entwicklung präzise nachzuzeichnen, ist das Verdienst der beispielhaften Ausstellung der Guggenheim-Sammlung.

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