Kultur : Glanz des Schreckens

Moskaus Zentrum: „Der Kreml – Gottesruhm und Zarenpracht“ im Berliner Gropius-Bau

Ulrich Clewing

Wer weiß schon, wie viele Tragödien sich ereignen, ohne dass jemals irgendjemand davon erfahren würde. Manchmal ist es reiner Zufall, wenn sie doch noch ans Tageslicht kommen, die Schrecken, Niederlagen und Dramen im Kampf um die Existenz. Zum Beispiel der wundersame Fund des großen Kreml-Schatzes: Im Jahr 1237 fielen die Mongolen ein in das heutige Russland, zerstörten Städte und Dörfer, ermordeten oder verschleppten die Einwohner. Innerhalb kürzester Zeit schlugen sie sich bis nach Moskau durch, und auch hier hatten die Belagerten Anlass, um ihr Leben zu fürchten. In ihrer Angst entledigten sie sich ihres wertvollsten Besitzes: Sie vergruben ihr Silber, 300 massive Armreife, Ketten, Barren, im Erdboden. Als die Eroberer das Ihre getan hatten, war niemand mehr übrig, der ihnen hätte sagen können, wo dieser Schatz versteckt lag.

Die Stücke blieben über siebenhundert Jahre verborgen. Erst 1988 wurden sie während Bauarbeiten im Kreml wiederentdeckt, damals zu Recht eine große Sensation. Nun bilden die schönsten Teile des großen Kreml-Schatzes den Auftakt der Ausstellung „Der Kreml – Gottesruhm und Zarenpracht“, die ab morgen im Martin-Gropius-Bau zu sehen ist: schlichter, eleganter Schmuck, überaus kunstvoll gearbeitet, geflochten und gedreht, der einem am Anfang des 21. Jahrhunderts in seiner fast modernen Reduziertheit ästhetisch näher steht als vieles andere, das Künstler und Kunsthandwerker seither geschaffen haben.

Etwa 260 Exponate werden in Berlin gezeigt, 100 davon zum ersten Mal überhaupt außerhalb Moskaus. Es ist das Beste vom Besten, was das Staatliche Kulturhistorische Museum Moskauer Kreml, die ehemals zaristische Schatzkammer, zu bieten hat. Alte Bücher, Landkarten, Prunkbestecke und Schauwaffen, weltliche Preziosen und lithurgische Gegenstände der russisch-orthodoxen Kirche, alles in einem Erhaltungszustand, der einfach fantastisch ist. 160000 Besucher pilgerten zur ersten Station der Ausstellung in die Bonner Bundeskunsthalle, die auch als Organisatorin verantwortlich zeichnet. Eine ähnliche Zahl will man jetzt auch in Berlin anlocken – angesichts der herausragenden Qualität der präsentierten Arbeiten müsste das eigentlich zu schaffen sein.

Zwar ist es das Anliegen der Kuratoren, nicht nur zu prassen, sondern auch so komplizierte Vorgänge wie die 850-jährige Baugeschichte des Kreml zu vermitteln. Doch dazu hätte es einer anderen Ausstellung bedurft. Die Computer-Rekonstruktion „Der virtuelle Kreml“, eine Zusammenarbeit der Universität Moskau und der TU Darmstadt, reicht längst nicht aus, um den Eindruck zu verwischen, dass die Ausstellungsgänger im Gropius-Bau in erster Linie in ungläubiges Staunen ob der dargebotenen Pracht versetzt werden sollen.

So betrachtet, ist diese Schau eine ziemlich altmodische Angelegenheit. Lediglich mit knappen Erklärungen versehen, stehen die Ausstellungsstücke in Vitrinen isoliert für sich selbst. Wirkung ist alles, das Wissen dagegen etwas, das man sich besser woanders beschafft. Größere Zusammenhänge, Entwicklungen und geistesgeschichtliche Hintergründe werden nur selten sichtbar, und wenn, dann oft nur in Allgemeinplätzen. Natürlich haben die Zaren auch Künstler aus dem Ausland beschäftigt, sich von dort Stoffe, Entwürfe, Kenntnisse kommen lassen. Doch was Zar Peter I. bewogen haben mag, zu Beginn des 18. Jahrhunderts in den Sümpfen der Newa-Mündung eine neue Stadt zu gründen und seine Residenz dorthin zu verlegen, welche Sehnsucht und Hybris aus diesem irrsinnigen, mörderischen Unterfangen sprechen, dem wir heute die schöne Stadt St. Petersburg verdanken, das wird – wie etliches andere – in dieser Ausstellung nicht klar oder nur oberflächlich angedeutet.

So unterwirft sich „Der Kreml“ freiwillig einer Beschränkung, die ein wirklich aufregendes, vielfältig erkenntnisreiches Ausstellungserlebnis verhindert. Andererseits: Was heißt hier schon Beschränkung? Wer nicht aufpasst, dem bleibt der Mund offen stehen vor dieser Menge an Einzigartigkeiten. Eines der ältesten Stücke ist eine Kamee, ein aus dem Stein geschnittenes Bild aus dem 12. Jahrhundert, das die Jungfrau Maria auf dem Sterbebett zeigt. Die dazugehörige Gold- und Edelsteinfassung stammt aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts.

Grandios die großformatige Ikone aus dem 14. Jahrhundert mit Boris und Gleb zu Pferde, den beiden jüngsten Söhnen des Kiewer Großfürsten Wladimir, der, 988 getauft, in der Alten Rus das (orthodoxe) Christentum einführte. Die Ikone stammt aus der Tretjakow-Galerie, wie auch die „Übergabe der Gottesmutter von Wladimir“ aus dem 17. Jahrhundert – mit dem Kreml-Gebirge im Hintergrund.

Boris und Gleb fielen 1015 dynastischen Bruderkämpfen zum Opfer. Sie werden seitdem als die ersten Heiligen der russisch-orthodoxen Kirche verehrt, und das ist bezeichnend – auch für diese Ausstellung, die sich generell auf sehr konventionelle Herrschaftsgeschichte konzentriert. Da nimmt es nicht wunder, dass der Abteilung „Geschenke an die Zaren“ breiter Raum reserviert wird und die Ausstellung mit einer Inszenierung endet, die jedem heimlichen Royalisten das Herz höher schlagen lässt: Hinter Glas finden sich da ein Thron und ein hermelinbesetzter Umhang aus feinstem Goldbrokat – der Krönungsmantel der Zarin Maria Alexandrowna. Ihr Name ist den wenigsten ein Begriff, aber ihr Mantel, an den wird man sich noch lang erinnern.

Martin-Gropius-Bau, Mittwoch bis Montag 10–20 Uhr, bis 13. September, Katalog 29 Euro. Eröffnung heute um 18.30 Uhr.

Rund 260 Schätze aus

dem Moskauer Kreml sind ab heute in Berlin zu sehen. Gezeigt werden Ikonen, liturgische Geräte, Geschmeide, Textilien, Rüstungen und Waffen, darunter ein Spitzhelm Iwans des Schrecklichen

und der Krönungsmantel von Kaiserin Maria Alexandrowna.

Die im Berliner

Gropius-Bau bis zum 13. September gezeigte Ausstellung ist ein

Höhepunkt der Deutsch-Russischen

Kulturbegegnungen.

Sie wird heute Abend vom russischen Kulturminister Alexander Sokolov und Kulturstaatsministerin Christina Weiss eröffnet.

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