Kultur : Glatt gelogen

JULIAN HANICH

Was ist Lug? Was ist Trug? Langsam malt der Lügendetektor die Antwortkurve aufs Papier.Kleine Kehren, große Haken.Enge Kurven, spitze Zacken.Jetzt bloß nicht schlucken, nicht blinzeln, nicht nervös werden.Der Polygraph hat immer recht.Normalerweise.Aber jetzt sitzt John Walter Wayland (Tim Roth) beim Verhör.Princeton-Absolvent, Psychologie, summa cum laude.Dazu arbeitslos, steinreicher Vater.Spindeldürrer Epileptiker und Alkoholiker mit Hang zum verbotenen Absinth.Wayland soll eine Prostituierte (Renee Zellweger) ermordet, in zwei Stücke geteilt und an unterschiedlichen Stellen in der Stadt entsorgt haben.Glaubt die Polizei.Wayland bestreitet es.Ins abgedunkelte Vernehmungszimmer dringen nur messerscharfe Lichtschlitze der Außenwelt.Es werden die Plätze eingenommen zum psychologischen Schachspiel.Hier Wayland.Dort die beiden Detectives Braxton (Chris Penn) und Kennesaw (Michael Rooker).Auf dem Spiel steht: die Wahrheit.Aber, so schwarzweiß wie Schachbrettfelder ist die Sache nicht.Denn die beiden Hüter des Gesetzes sind selbst nicht ganz vertrauenswürdig.Und Wayland, mit Geld und Beziehungen, scheint das zu wissen.Braxton, Ex-Wachmann mit hervorquellendem Brusthaar und niedrigem IQ, hat Spielschulden bei der Unterwelt.Steht kurz vor der Beförderung und braucht deshalb Erfolge.Kennesaw, Aufklärungsrate am Lügendetektor: 92 Prozent, wird von der Ehefrau (Rosanna Arquette) betrogen.Daher: aggressiv, Vorliebe für Prostituierte.Wunde Punkte, in die der hochintelligente Wayland seine verbalen Gegenzüge stößt.Lügen und Geheimnisse: Der Polygraph hat Schwierigkeiten.

Und Schwierigkeiten hat auch, wer diesem überwiegend als Verhör-Kammerspiel eingerichteten Manipulationsstück nicht genau auf die Finger schaut.Ein nicht ganz einfaches Drehbuch, das die Zwillingsbrüder Joshua und Jonas Pate ("The Grave") da geschrieben und beeindruckend verfilmt haben.Aber immer dabeibleiben: Während man sich noch über den niederträchtigen Verleihtitel ärgert - im Original: "Liar" -, hat man schon einen wichtigen Handlungsstrang vernachlässigt.Den Vater-Sohn-Konflikt zwischen dem erfolgreichen alten Wayland und seinem gelangweilten Junior zum Beispiel.Selbst die scheinbar gleichen Rückblenden erzählen in "Scharfe Täuschung" verschiedene Geschichten: Mal trägt die Prostituierte ein weißes, mal ein schwarzes Kleid.Und das Ende ist so kitzlig-kompliziert, daß man das Gefühl hat, die beiden Pate-Brüder hätten sich selbst in die Irre geführt - Tick, Trick, vertrackt.Aber verraten wird die Verrätselung natürlich nicht, denn alles ist Programm.John Walter Wayland hat schon recht: Sind wir nicht alle Lügner? Kleiner Schwindel, große Täuschung: Kann man einem Film überhaupt glauben, der am ersten April endet?

In Berlin im Colosseum, Delta, Eiszeit (OV), Filmbühne Wien, Kant, Kosmos, Zoo

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