Kultur : Glauben und glauben lassen

Gerwin Klinger

"Ich möchte Gott ins Spiel bringen", verkündet ein bärtiger Mittvierziger, der sich als Anhänger der Bibelgläubigen vorstellt, und nutzt das Saalmikrofon, um dem rund 30-köpfigen Publikum die Botschaft der Heiligen Schrift ans Herz zu legen. Das Haus der Kulturen der Welt hatte anlässlich des 50. Jahrestags der UN-Menschenrechtserklärung zu einer Konferenz über "Religion und Menschenrechte" geladen. Gerade werden die geistesgeschichtlichen Implikationen des Religionsbegriffes durchleuchtet - da wirkt der bekenntnisfreudige Bibelgläubige ungefähr so passend wie ein Versicherungsvertreter auf dem Kirchentag. Der Straßburger Soziologe Jean-Pierre Bastian plädiert elegant für Nicht-Befassung: "Ein schönes Glaubenszeugnis. Ich bin bereit, mir auch noch andere anzuhören. Aber sagen kann ich dazu nichts."

Diese Entgegnung demonstriert im Kern das laizistische Staatsverständnis, das mit der französichen Revolution durchgesetzt wurde: Glaube ist Privatsache. Eine pluralistische Öffentlichkeit und ein gegenüber Glaubensinhalten neutraler Staat, dieses Modell hat auch in den Artikel 18 der UN-Menschenrechtserklärung Eingang gefunden. Dennoch sei die Konzeption von Menschenrechten und Religion, die hier zum Maß gemacht werden, von westlichen Interessen geleitet und der christlichen Tradition verhaftet, lautet ein genereller Einwand. So unterstellt der Religionsbegriff, wie Arvind Sharma aus Montreal darlegt, dass ein Mensch sich nur zu einem Glauben bekennen könne. Das östliche Religionsverständnis sei hingegen flexibler und weniger ausschließlich: So rechnen sich die Japaner zu 95 Prozent dem Shintuismus zu und zu 76 Prozent dem Buddhismus. Auch die Inder pflegen verschiedene Religionen "auszuprobieren". Dessen ungeachtet widerstreiten jene Religionen, deren Freiheit postuliert wird, in ihrer fundamentalistischen Ausprägung einer liberalen Rechtsstaatlichkeit oder einer Gleichberechtigung der Frauen.

Suwanna Satha-Anand, Philosophin aus Bangkok, berichtet von den Kämpfen um die Wiedereinführung der Frauen-Ordination beim buddhistischen Klerus in Thailand. Eine Frage, an der sich die Bildungschancen von Mädchen entscheiden, weil die Tempelschulen die einzigen Lehreinrichtungen auf dem Lande sind. Der Kampf mit den konservativen Ordensführern wird im religiösen Material geführt - es geht um die richtige Auslegung der Worte von Buddha. Trotzdem vertraut Satha-Anand auf die innerbuddhistische Debatte. Die Frauen-Ordination sei weiter entwickelt als in der katholische Kirche.

Fabian und Sharma skizzieren den Widerspruch, den eine mit der Globalisierung ausgreifende Verwestlichung in den Entwicklungsländern produziert: für die christlichen Kirchen sei das Ausübung von Religionsfreiheit, für die angestammten Religionen ein existenzieller Angriff. Es bleibt die Frage, ob "Menschenrechte", wiewohl ein westliches Konzept, global tauglich seien. Chandra Muzaffar plädiert für eine Vernetzung der fortschrittlichen Kräfte aller Religionen, um die konservativen Protagonisten der Bigotterie, des Obskurantismus und Extremismus in den Religionen einzudämmen. Sharma hofft hingegen auf eine Deklaration der Menschenrechte durch die Weltreligionen, eine Art zweite Ratifizierung der UN-Charta, die auch Glaubenshüter an den Rechtskodex bindet.

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