Kultur : Glück am Rande

LISA DIEDRICH

Zuweilen zuweilen erinnert Berlin an das Paris der achtziger Jahre: Im Zentrum klotzt das Establishment aus Architektur und Politik, am Rande der Stadt blühen die Veilchen im Verborgenen.Allerdings gab man in Paris den Jungen auch im Schatten des Louvre und der Bastille Baulücken zu füllen, im Berliner Zentrum traut man keinem unter 50.Rund um Paris finanzierte vor allem die öffentliche Hand neue Städte und junge Architektur, am Rande von Berlin überlassen die klammen Bezirke den privaten Investoren das Feld.Neues Bauen in Berlin, das sind nicht die Schaustellen am Pariser und Potdamer Platz, das sind Wohnungen, Kindergärten und Jugendzentren in Treptow-Altglienicke, Karow-Nord und Buchholz-West.

Buchholz-West, im Bezirk Pankow, ist ein gutes Beispiel.Gleich neben den üblichen Laubenpieperquartieren erheben sich sechsgeschossige Wohnriegel aus dem flachen märkischen Land, rahmen einen Boulevard - keine Frage, das hier ist eine neue Stadt.Sie ist in den letzten Jahren nach dem städtebaulichen Gesamtplan der Berliner Architekten Engel und Zillich und der Landschaftsarchitektin Hannelore Kossel entstanden, für etwa 5000 Menschen.Die Finanziers, mehrere Investoren, verbürgen sich auch für den Bau der nötigen Gemeinschaftseinrichtungen.1994 lobte die Grundstückserschließungsgesellschaft Ergero einen beschränkten Wettbewerb für sechs Kindertagesstätten aus - was aber für die Architekten nicht heißen sollte: eine entwerfen und sie sechsmal bauen.Verlangt war vielmehr eine Grundform, die sich den sechs Bauplätzen entsprechend verändert.Kein schäbiger Typenbau, sondern hochwertige Architektur, und zwar "sehr viel kostengünstiger als in den letzten Jahren" zu erstellen."Sehr viel", das haben die jungen Berliner Architekten Regine Leibinger und Frank Barkow in ihrer Ausschreibungsbroschüre dick umrandet.

Mit sehr viel Raffinesse haben sie es geschafft, eine einfache architektonische Ordnung so variabel zu machen, daß erstaunlich unterschiedliche Räume entstehen.Dafür bekamen sie gleich einen Doppelpreis von der Jury.Mit sehr wenig Geld (25 000 Mark reine Bauwerkskosten pro Krippenplatz) haben sie dann doppelt gebaut - zuerst das Thema, eine Kita für 100 Kinder an der Mazetstraße.Die Variationen aus ihrem Wettbewerbsentwurf blieben unrealisiert, denn die Auslober hatten schließlich fünf Entwürfe preisgekrönt, fünf verschiedene Kitas in Auftrag gegeben und die sechste in das Jugendheim umgewidmet.

Barkow und Leibinger begannen mit dem Grundsätzlichen.Räume für Kinder schlugen sie in ihrem Entwurf vor und zeichneten quer durch Neu-Buchholz einen Zickzack-Streifen - Freiräume, die den Kindern gehören und sich mit den geplanten Siedlungsfreiräumen verflechten sollten.Das soziale Geflecht wurde im Entwurf zum Liniengeflecht.Die Linien sehen aus wie Katasterlinien, sind aber eher Fluchtlinien, Blickrichtungen, gedachte Verbindungen, die sich immer wieder kreuzen.Auf manchen Linienkreuzen stehen die Kitas: Dort werden die Fluchtlinien zu Fassaden und die Richtungen zu Fluren, aus dem Grund wölben sich Flächen hoch zu tektonischen Gebilden.So haben sich die Alpen aus dem Grund geschoben, hier schiebt sich die Architektur aus den Linien.

Alle Kitas setzen sich aus vier Raumschichten zusammen, sind zweigeschossig und nach Süden ausgerichtet: Hinter der Südfassade befinden sich in der ersten Schicht die Gruppenräume und die Küche.Daran schmiegen sich als zweite Schicht Garderoben und Stauräume.Die dritte Schicht ist Flur und Gemeinschaftsraum zugleich, reicht über beide Etagen und wird von oben belichtet.Die vierte Schicht schließlich bildet die Nordfassade und birgt Sanitärräume, Verwaltung und Lager.Um diese strenge Ordnung nicht in langweiligen Typen einzufrieren, knicken die Architekten jeden Baukörper ein wenig, und jedes Mal anders - dem Liniengeflecht folgend, auf dem er steht.Mal biegen sie den Flur in der Mitte zu einer Art Anger auf, mal schnüren sie ihn ein, so daß er sich trichterförmig zu den Schmalseiten hin öffnet, wie in der Kita an der Mazetstraße.Dem Knick entsprechend verändert sich auch die äußere Form der Bauwerke.Von außen lassen sich die Schichten gut ablesen: Die Südfassade der Kita erhielt eine Verkleidung aus Faserzementtafeln in kühlen Grau-Blau-Tönen und mattierten Glasplatten, die mit den orange lasierten Holzfensterrahmen eine feine geometrische Komposition ergeben.Die Nordfassade wirkt warm und wuchtig mit ihrer Stülpschalung aus Lärchenholz.

Da nun fünf verschiedene Kitas und ein Jugendheim gebaut werden, hat das Typisieren doch nicht zum Sparen beigetragen, wie ursprünglich geplant.Gespart wurde deshalb vor allem bei den Handwerkern, der Bauleitung und der Innenausstattung: In der Kita gibt es einfaches blaues Linoleum auf dem Boden, Sichtbetondecken im Flur, Heraklith-Decken in den Gruppenräumen, weiße Putzwände, Standard-Fliesen in den Bädern und schlichte Regale statt der geplanten Holzschränke in den Garderoben.Doch der Raum an sich ist stärker: das lustige Zickzack der einfachen Neonlampen im Flur, der Blick hoch unter die mächtigen Dachsparren oder die Ausblicke durch die verschieden großen Fenster.Tatsächlich ist etwas von der anfänglichen Freiraum-Idee übriggeblieben: Den Garten hat die junge Berliner Landschaftsarchitektin Gabriele Kiefer gestaltet.Dort schwappt ein Sandmeer über das Pflasterufer, hier schiebt sich ein Birkenhain auf einem Rasenbett an das Gebäude heran und da eine riesige holzgefaßte Sandkiste.Die Tektonik des Gebäudes wird selbstverständlich, weil sie sich im Außenraum fortsetzt.

Den "gesellschaftlichen und architektonischen Anspruch", hieß es in der Ausschreibung, sollten die Planer nicht aufgeben, um "einen baukulturellen Beitrag in einer Zeit finanzieller Beschränkungen" zu leisten.Im Klartext: Kein Geld, und trotzdem gut.In Buchholz ist es gelungen.

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