Kultur : Glück im Glas

Die britische Künstlerin Tacita Dean lebt seit acht Jahren in Berlin. Sie liebt den Herbst in Deutschland

Christina Tilmann

Schimmerndes Glas, leuchtendes Gelb, selbst die Flecken auf der Schale wirken kostbar. Und dann ändert sich das Licht, verdunkeln Wolken die Sonne, und das Bild erlischt, leuchtet wieder neu auf, gewinnt an Tiefe, an Struktur. Ein 16-Millimeter-Film, knapp elf Minuten lang, projiziert auf ein kleines Feld am Ende eines Flurs, und der Besucher hat eine Erfahrung reiner Schönheit. „Prisoner Pair“ hat die britische Künstlerin Tacita Dean ihren neuesten Film genannt und spielt dabei mit der Doppelbedeutung Pear/Pair: Es sind zwei Birnen im Glas (im Elsass nennt man das „Poire Prisonnière“), die sie gefilmt hat an jenem strahlenden Tag in einem Londoner Garten.

Tacita Dean liebt Doppelbedeutungen. Wenn sie ihre erste Einzelausstellung in der Villa Oppenheim in Charlottenburg „In My Manor“ nennt, dann ist darin das „manor house“, das Landhaus, enthalten, ähnlich jener prächtigen Neorenaissance- Villa, die lange als Kita genutzt wurde und nun dem Ausstellungshaus für zeitgenössische Kunst weitere schöne, bislang unrestaurierte Räume zur Verfügung stellt. Gerade diese Räume haben Tacita Dean fasziniert – weil sie die Spuren der Vornutzung noch tragen und der so sehr mit Erinnerungen und Geschichten lebenden Künstlerin daher als angemessener Präsentationsort erschienen. Aber auch, weil – „manor“ hat im Englischen noch eine zweite, umgangssprachliche Bedeutung: Nachbarschaft, Umfeld, Kiez – sie selbst ganz in der Nachbarschaft wohnt, seit sie vor acht Jahren mit dem Künstlerprogramm des DAAD nach Berlin kam. Und, dritte Bedeutung: Der Titel kann auch als „In My Manner“ gelesen werden: I did it my way.

Dass die 43-jährige Engländerin, die längst in aller Welt gefeiert und mit Preisen bedacht wird, erst jetzt in Berlin eine eigene Ausstellung bekommt, und auch das nicht in den Großinstitutionen, in die sie vom Rang her längst gehört, etwa im Hamburger Bahnhof oder in der Berlinischen Galerie, sondern im trotz Berggruen, Bröhan und Scharf-Gerstenberg immer noch etwas randständigen Charlottenburg – das verwundert, passt aber auch. Tacita Dean ist immer gern über Umwege gegangen, hat ihre Arbeiten aus dem Scheitern und dem Zufall destilliert, und am Ende meint man, das könne gar nicht anders sein als geplant.

So auch jetzt wieder. „Prisoner Pair“ war eigentlich ganz anders gedacht, eigentlich hatte die Künstlerin die Birnenernte im Herbst dokumentieren wollen, doch den Herbst hat sie verpasst, und so ist es das elsässische Birnenpaar im Glas geworden. Ganz ähnlich war der Entstehungprozess bei einer anderen Arbeit, die nun in der Villa Oppenheim zu sehen ist, dem „Darmstädter Werkblock“. Da war Dean eingeladen worden, den Beuys- Raum im Darmstädter Museum zu dokumentieren, bevor er nach langem Streit renoviert werden sollte. Doch vor Ort stellte sich heraus, dass man die Beuys-Arbeiten aus Copyright-Gründen gar nicht filmen durfte. So arbeitete Tacita Dean stattdessen mit dem Rücken zu Beuys, filmte die vergilbten Wandbespannungen mit ihren Flecken, Rissen und Schadstellen, filmte Feuerlöscher, Hinweisschilder, Türgriffe, filmte Schatten und Licht und schuf eine Meditation über Vergänglichkeit, die einen kongenialen Kommentar zum Streit um die Konservierung der Beuys’ schen Arbeiten bildet.

Und wieder schließt sich der Kreis. Tacita Dean hat ihr Atelier, wie auch Thomas Demand und Olafur Eliasson, in den Hallen direkt neben dem Hamburger Bahnhof. Öffnet sie das Fenster, könnte sie fast die Kakophonie der aktuellen Beuys -Ausstellung dort hören. Doch einen größeren Gegensatz könnte es nicht geben als den zwischen diesem Großauftritt und den sehr stillen, kleinformatigen Arbeiten der Künstlerin, die sich so nachhaltig in die Erinnerung einfressen. Zur eventfixierten Kunstszene von Berlin Mitte bleibt Dean lieber auf Abstand.

Und hat sich doch längst als Chronistin der deutschen Vergangenheit etabliert. Ihre ersten Arbeiten in Berlin thematisierten noch die spektakulären Sehenswürdigkeiten: Ein Film über den Berliner Fernsehturm, der 45 Minuten lang einmal die Runde im Restaurant mitfährt, und draußen vorm Fenster geht die Sonne unter. Oder die Aufnahmen vom Berliner Dom, der sich im Abendlicht in den Glasfenstern des jetzt verschwundenen Palasts der Republik spiegelt. Vor allem aber sucht Tacita Dean, wie so viele Künstler, bald auf den berühmten Berliner Flohmärkten. Und findet dort zum Beispiel Opernprogramme aus der Zeit von 1942 bis 1945 – fein säuberlich ist in der Mitte des Deckblatts jeweils das Hakenkreuz herausgeschnitten, das entstandene Loch gibt den Blick frei auf die Seiten dahinter.

Auch für die Villa Oppenheim hat Dean mit solchen Fundstücken gearbeitet: In der Arbeit „Fernweh“, einem riesigen Landschafts-Panorama, das aus alten Postkarten aus dem Elbsandsteingebirge zusammengesetzt ist. Oder in den kostbaren Vintage-Fotografien von 1885, die sie mit Deckweiß bearbeitet hat, bis die Bäume allein standen in einem weißen Nebel. Caspar David Friedrich lässt grüßen, die deutsche Romantik, welche die erklärte Herbst-Liebhaberin Dean fasziniert – so auch in den großen Fotografien der Dolmen-Steine, die sie auf Rügen gefunden hat und mit schwarzer Farbe ummalt, bis sie allein im Bild stehen.

Doch die Hauptwerke sind immer die Filme. Etwa der 45-Minüter „Presentation Sisters“, eine Auftragsarbeit aus Cork. Auch hier stand das Scheitern im Vordergrund, die Suche nach einer Idee, dann fand Dean einen Friedhof, auf dem die Schwestern ihre Gräber reservierten. Das Porträt der fünf alten Damen, die in einem riesigen alten Haus (auch ein „Manor“) ihrem Tagesablauf nachgehen, mit Mittagessen, Kuchenbacken, Abspülen, Spazierengehen, ist ein Meisterstück über den Zauber des Alltags und eine Lektion in Geduld. Selbst in der hektischen vierten Berlin-Biennale 2006 war der Raum, in dem „Presentation Sisters“ gezeigt wurde, der Ruhepunkt, den man so schnell nicht mehr verlassen konnte.

In der Villa Oppenheim ist jetzt eine andere Arbeit zu sehen, ein Porträtfilm, den Dean über den im vergangenen Jahr verstorbenen Dichter und Übersetzer Michael Hamburger drehte. Der alte Mann lebte in Suffolk, in einem romantisch verwinkelten Haus, in dem sich Papier, Bücher, Notizen in allen Ecken türmen und stapeln. Doch Tacita Dean hat mit ihm nicht über Literatur diskutiert, sondern ihn über seinen Obstgarten sprechen lassen. Über 30 seltene alte Apfelsorten wachsen dort, und im Film sieht man, wie Hamburger die Äpfel zart in seine alten, gichtkrummen Hände nimmt, in wunderbar zögerlichem Englisch ihre Unterschiede erklärt, und wie er den einen Apfel gezogen und den anderen zum Tod seines Dichterfreunds Ted Hughes besungen hat. Gibt es ein schöneres Requiem?

Tacita Dean, In My Manor, Villa Oppenheim, Schlossstraße 55, bis 15.2., Di bis So 11 bis 17 Uhr, Eintritt frei

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