Kultur : Glück in der Provinz

Homo, aber nicht sexuell: „Herr Schmidt und Herr Friedrich“

Frank Noack

Die Trostlosigkeit einer spießigen Kleinstadt – mit anschließender Flucht in eine Metropole wie Berlin – ist fester Bestandteil unzähliger schwuler Biografien. Aber nicht jener von Herrn Schmidt und Herrn Friedrich. Die beiden Mittfünfziger haben sich für genau jenes Milieu entschieden, das anderen so erdrückend erscheint. Händchenhalten in der Öffentlichkeit – ausgeschlossen, höchstens mal nachts, wenn niemand hinschaut.

Kurt „Kuddel“ Schmidt und Wilfried Friedrich sind homo, aber nicht sexuell. Ihr Haus sieht aus wie ein Museum: Selbst die Frotteetücher im Bad sind so ordentlich gestapelt, dass kein Gast sie zu benutzen wagt. Einmal erklärt Herr Friedrich nebenbei seinen Ordnungsfimmel. Er will beweisen, dass Leute wie er - das Wort „Schwule“ geht ihm nicht über die Lippen - sauber und anständig sein können. Das ist ihm und seinem Lebenspartner zweifellos gelungen.

Ulrike Franke und Michael Loeken, bekannt durch den Dokumentarfilm „Und vor mir die Sterne“ über die Schlagersängerin Renate Kern, porträtieren dieses miteinander alt werdende Paar liebevoll und unkritisch. Dass Herr Friedrich einst wegen seiner Vorliebe für Schlager aus dem nicht-sozialistischen Ausland von der Stasi observiert wurde, spielt keine ernsthafte Rolle.

Das Wichtigste im Leben dieser beiden Männer war und ist ihre Normalität. Diskriminierungen mussten sie nie erleiden, weil ihr Verhalten dazu keinen Anlass bot. Auch über ihre Liebe reden die beiden im sachlichen Ton. Erst am Ende erfahren wir von der Krebserkrankung, der Herr Friedrich im September 2000 erlag. Wie sollen Filmemacher da eine kritische Haltung einnehmen?

Dabei hätte Nachfragen gut getan. Denn das unauffällige Verhalten der Protagonisten ist das Produkt von Angst.

Blow Up und Xenon; Herr Schmidt ist am Sonnabend um 19 Uhr im Xenon und am Sonntag um 18 Uhr im Blow-Up zu Gast.

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