Goethe-Haus : "Das Leben ist ein Kampf"

Das Frankfurter Goethe-Haus beherbergt ein einmaliges Dokument der Literaturgeschichte: Von Hesse bis Max Planck versammelt sich eine illustre Schar großer Schriftsteller und Wissenschaftler in einem Gästebuch.

Frankfurt/Main - Hermann Hesse hat eine Zeichnung und ein Gedicht hinterlassen, Thomas Mann und Heinrich Böll haben sich darin ebenfalls verewigt. Allein acht Literatur-Nobelpreisträger haben sich in dem Band eingetragen, der aus dem Nachlass des früheren Museums- Direktors Ernst Beutler stammt.

Beutler, der bis zu seinem Tod im Jahr 1960 Chef des Goethe-Hauses war, führte das ihm gehörende Buch seit 1926. Zuvor war es bereits ein Erinnerungsband seiner Großmutter gewesen, die viele Künstler- Freunde hatte. Einer von ihnen war der Komponist Felix Mendelssohn- Bartholdy, der im Juli 1846 in dem Buch eine Gedicht von Marianne von Willemer - der Frankfurter Gefährtin Goethes in seinen späten Jahren - vertont hat.

Einmaliges Zeugnis der Literaturgeschichte

Zum herausragenden Dokument der Literaturgeschichte wird das abgetragene samtblaue Buch jedoch erst im 20. Jahrhundert mit Beginn des Nationalsozialismus. Nicht nur für Schriftsteller brachen schwere Zeiten an, sondern auch für viele Naturwissenschaftler, die ja dem Universalgenie Goethe ebenfalls nahe standen. Dies hat sich zum Teil in verschlüsselten Botschaften im Buch niedergeschlagen.

"Das Leben ist ein Kampf, der jeden Tag neu begonnen werden muss, und in dem sich all Gutgesinnten einig fühlen", schrieb am 31. Mai 1939 - kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs - der Physiker Max Planck durchaus mit Symbolcharakter in das Buch. Planck, dessen Sohn wegen seiner Beteiligung am Attentat gegen Hitler 1944 hingerichtet wurde, war nach dem Krieg 1945 der erste Träger des Goethe-Preises der Stadt Frankfurt.

Auf der Seite gegenüber von Plancks Eintrag im Buch hielt 1949 sein Physiker-Kollege Werner Heisenberg ein zur ernüchternden "Stunde Null" passendes Zitat des dänischen Atomphysikers Niels Bohr fest: "Der Sinne des Lebens besteht darin, dass es keinen Sinn hat zu sagen, dass das Leben keinen Sinn habe."

Verhältnis zu national gesinnten Autoren

Auch für das Goethe-Museum und den Trägerverein Freies Deutsches Hochstift, der bis heute von Bürgern getragen wird, waren die Nazi-Jahre sehr schwierig. Beutler blieb die ganzen Jahre im Amt. "Er hat dem Hochstift immer noch gewisse Freiheiten bewahrt", sagt der Leiter der Bibliothek des Goethe-Hauses, Joachim Seng. So habe Karl Jaspers nach seiner Entlassung an der Universität Heidelberg im September 1937 seine Vorlesungen zur "Existenzphilosophie" im Goethe-Haus halten können.

Allerdings waren unter Beutler am Goethe-Haus in der Nazi-Zeit national gesinnte Autoren angesagt, die unter den Machthabern wohlgelitten waren. Besonders eindrücklich spiegelt sich diese düstere Zeit auf einer anderen Doppelseite der Kladde wider.

Hermann Claudius dankt Goebbels für Italienreise

Auf der einen Seite lässt im Mai 1939 der Dichter Hermann Claudius seiner Unterschrift den Hinweis folgen "vor der Italienreise, die mir Joseph Goebbels schenkte". Auf der Seite gegenüber zitiert der Verleger und Goethe-Experte Anton Kippenberg am 23. September 1939 - drei Wochen nach dem deutschen Überfalls auf Polen - mit unverkennbarer Doppeldeutigkeit aus einem alten Goethe-Brief: "Bleibt uns nur das Ewige jeden Augenblick gegenwärtig, so leiden wir nicht an der vergänglichen Zeit."

Das Goethe-Haus wurde wenige Jahre später in Mitleidenschaft gezogen: 1944 fiel das Geburtshaus des großen Dichters den alliierten Bomben zum Opfer. Nach dem Krieg wurde es - vorangetrieben von Beutler - wiederaufgebaut. Das Projekt führte zu einer Verstimmung des Museums-Direktors mit dem von ihm ansonsten sehr geschätzten Thomas Mann, der 1932 in Frankfurt die Goethe-Plakette erhalten hatte. Dem nach Kriegsende weiter im Ausland lebenden Nobelpreisträger warf Beutler nun vor, sich nicht genügend für den Wiederaufbau des Hauses eingesetzt zu haben. Thomas Mann erhielt 1949 dennoch den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt - gegen die Stimme Beutlers.

(tso/dpa)

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