Kultur : Goethe-Institut: Die Elfenfront

Henryk M. Broder

Das deutsche Goethe-Institut e.V. hat sich der "Pflege der deutschen Sprache im Ausland" und der "Förderung der internationalen kulturellen Zusammenarbeit" verschrieben. Etwa 3 300 Mitarbeiter in 75 Ländern an 9 Instituten von Abidjan bis Zagreb verbreiten deutsche Kultur in Wort, Bild und Ton. Gesteuert wird das Unternehmen von der "Zentralverwaltung" in München, wo eine Abteilung für "Rechtsangelegenheiten" darüber wacht, dass kein Unbefugter mit Goethe Unfug treibt.

Deswegen sitzt der Berliner Künstler Wolfgang Müller in seiner Kreuzberger Wohnung und reagiert weder auf Klopfen noch Klingeln. Zu erreichen ist er allein über eine Handy-Nummer, die er nur an gute Freunde weitergibt. Der einfallsreiche aber nicht gerade wohlhabende Künstler fürchtet den Besuch eines Gerichtsvollziehers, der ihm eine einstweilige Verfügung überreichen könnte. Denn Goethes amtliche Erben wissen zwar, wie man die deutsche Sprache im Ausland pflegt und kulturelle Beziehungen fördert, doch für Humor und Selbstironie haben sie noch kein Referat eingerichtet. "Ich will es auf keinen Fall auf einen Prozess ankommen lassen", sagt Müller, "ich kann mir keinen leisten und ich möchte nicht, dass Goethe noch mehr Planstellen abbauen muss, um Geld für Anwälte zu haben".

Müllers Gerangel mit dem Goethe-Institut begann vor drei Jahren. Im März 1998 wurde das Goethe-Institut in Reykjavik geschlossen. Fünf Monate später machte Müller im Living Art Museum der isländischen Hauptstadt das "erste private Goethe-Institut der Welt" auf; es war eine "Installation", bestehend aus einem Schreibtisch, einem Blumentopf und einem Telefon, das immer dann klingelte, wenn die alte Nummer des geschlossenen Instituts angewählt wurde. Der Schelmenstreich fand nicht nur viel Resonanz in der deutschen Presse, auch das Goethe-Institut war angetan. "Wir finden das Projekt originell", erklärte der damalige Pressesprecher, "schön, dass jemand mit den Mitteln der Kunst auf ein politisches Problem aufmerksam macht".

Müller, der einen ausgeprägten Island-Tick hat, machte auf eigene Faust weiter. Im Oktober 1999 organisierte er im Podewil eine Multi-Media-Performance mit isländischen Literaten und Musikern; im August 2000 eröffnete er im "Gelben Haus", dem ersten und einzigen besetzten Haus Reykjaviks, die Ausstellung "Goethes isländische Reise", eine Parodie auf die Italien-Reise des Dichters, mit Arbeiten von zwei Dutzend Künstlern. Ursprünglich wollte das Goethe-Zentrum das Projekt fördern, es blieb bei einer vagen und nicht realisierten Zusage.

Seit einigen Monaten tritt der "Geschäftsführende Direktor des privaten Goethe-Instituts Reykjavik" mit einer eigenen Show auf, "Neues von der Elfenfront", unter anderem im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main. Müller referiert und singt, zuletzt brachte er eine CD heraus, "Ich habe sie gesehn ... Elfen, Zwerge und Feen", auf der er ein isländisches "Loblied auf den Wein" zum Besten gibt, über die Melodie des Deutschland-Liedes von Joseph Haydn.

Ob Müller damit die deutsch-isländische Symbiose zu weit getrieben hatte oder ob ein "Bereichsleiter" in der Goethe-Zentrale plötzlich einen dringenden Handlungsbedarf entdeckte, jedenfalls bekam der Berliner Island-Fan Müller vor kurzem einen Brief ("Einschreiben / Rückschein") aus München, in dem es um die "Verwendung der Marke "Goethe-Institut" ging. Diese sei, wurde er belehrt, "seit 1991 im Markenregister eingetragen" und somit "gegen jede Benutzung durch Dritte geschützt"; es bestehe "eine Verwechslungsgefahr"; außerdem stelle Müllers Verhalten "einen Eingriff in den ausgeübten und eingerichteten Gewerbebetrieb dar", eine Handlung, die das Goethe-Institut "ebenfalls zum Schadenersatz" berechtige. Dem Schreiben lag eine "Unterlassungsverpflichtungserklärung" bei, die Müller unterschreiben und zurückschicken sollte: "Bei Meidung einer Vertragsstrafe in Höhe von DM 10 000 für jeden Fall der Zuwiderhandlung".

Das große (Jahresumsatz über 300 Millionen Mark), auf Kultur bedachte Goethe-Institut gab sich als ein "Gewerbebetrieb" zu erkennen, der die Gefahr abwehren muss, mit einem Konkurrenten verwechselt zu werden. Der setzt gerade einmal 30 000 Mark im Jahr um. Nicht einmal der Konzern "Kentucky Fried Chicken" kam auf eine solche Idee, als die Komiker einer RTL-Fernsehshow den Firmennamen in "Kentucky schreit ficken" abwandelten. Müller wandte sich brieflich an den Präsidenten des Goethe-Instituts, Hilmar Hoffmann, und machte den Frankfurter Feingeist darauf aufmerksam, sein Projekt "privates Goethe Institut Reykjavik" sei "eine rein künstlerische Arbeit"; als "freischaffender Künstler ohne festes Einkommen" habe er "kein Interesse an einer gerichtlichen Auseinandersetzung"; Hoffmann, damit beschäftigt, Goethe vor dem finanziellen Ruin zu retten, fand für eine Antwort nicht die Zeit.

Nach dem ersten Schrecken hat sich Müller wieder gefangen. Um seinen guten Willen zu zeigen, hat er auf der Homepage von www.geysir.com sein Projekt umbenannt. Es heißt nun "Walther von Goethe Foundation Reykjavik", nach dem letzten Enkel von Goethe, der an seinem Großvater gelitten hat. Damit soll dem "fast unbekannten, vergessenen Enkel ein kleines Denkmal" gesetzt werden. Und dagegen kann das Goethe-Institut eigentlich nichts haben, denn es pflegt ja die Erinnerung an den großen Opa, Johann Wolfgang von Goethe.

Jetzt will Müller die erste Zweigstelle des dem Enkel gewidmeten Instituts eröffnen, im Friseursalon "Beige" in Berlin-Mitte. Dort lässt er sich sonst die Haare schneiden. Die Eröffnungsansprache wird der isländische Botschafter halten. Der fürchtet weder eine "Verwechslungsgefahr", noch sieht er einen Eingriff in einen "eingerichteten Gewerbebetrieb". Im Gegenteil: "Ich schätze sehr, was Müller macht", sagt der Botschafter.

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