Goethes Farbenlehre : Große Leuchte

Physik und Sinnlichkeit: Das Weimarer Nationalmuseum präsentiert Goethes "Farbenlehre" aus dem Jahre 1810.

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Den Regenbogen zeichnen. Goethes Skizzen von Prismen und Linsen entstanden zwischen 1796 und 1806.
Den Regenbogen zeichnen. Goethes Skizzen von Prismen und Linsen entstanden zwischen 1796 und 1806.Foto: Klassik Stiftung Weimar

Für das Werk seines Gegners hatte Goethe nur Verachtung übrig. Schlichtweg als „Irrtumsgespinst“ annoncierte er es, dennoch einigermaßen höflich, in der „Anzeige“ seiner eigenen Arbeit zum Gegenstand, der 1810 vorgelegten „Farbenlehre“. Goethe, der Dichter, war zugleich ein Naturforscher von Graden. Sein Gegner allerdings war auf diesem Gebiet nun wahrlich einer der Größten: Isaac Newton, der 1704 seine Theorie der Optik veröffentlicht hatte.

Eine einzige, freilich zentrale Beobachtung Newtons ist es, die Goethe so erzürnt. „Newton behauptet, in dem weißen, farblosen Lichte überall, besonders aber in dem Sonnenlicht, seien mehrere verschiedenartige Lichter wirklich enthalten, deren Zusammensetzung das weiße Licht hervorbringe.“ Der Dichter-Forscher bestritt diese Brechungstheorie aufs Entschiedenste. Für ihn entstand Farbe „zugleich von dem Lichte und von dem, was sich ihm entgegenstellt“: als ganzheitliches Phänomen, das zugleich den Betrachter einschließt.

Die Schärfe dieser virtuellen Kontroverse über ein Jahrhundert hinweg ist heute kaum mehr nachzuvollziehen. Es liegt also ein Wagnis darin, dass die Klassik-Stiftung Weimar das 200. Jubiläum der Erstausgabe der „Farbenlehre“ zum Anlass nimmt, die gesamte Dauerausstellung im Goethe-Nationalmuseum ein Jahr allein diesem Thema zu widmen. Das Risiko der Verständnislosigkeit seitens der Besucher, die die Gesamtheit des Goetheschen Lebenswerkes vorfinden wollen, suchen die Kuratorinnen Gisela Maul und Sabine Schimma durch eine Fülle von Mitmach-Experimentalanordnungen zu begegnen. Ist das noch ein Dichtermuseum oder schon ein Science Center?

Es geht los mit den farbigen Schatten, die eine Silhouette Goethes an die Wand des Entrees wirft. Auf der Harzreise 1777 hatte er erstmals die Farbigkeit von Schatten wahrgenommen und zeichnerisch festzuhalten versucht. Daraus erwuchs die lebenslange Beschäftigung zunächst mit der Optik allgemein, dann speziell der Farbenlehre. Die Newtonschen Prismen, die Goethe so erzürnten, kann der Besucher in die Hand nehmen, ebenso wie den vermeintlichen Gegenbeweis Goethes an ihnen nachvollziehen. Und schließlich den Triumph spüren, wenn das schnelle Kreisen einer Farbscheibe nicht Weiß ergibt, wie Goethe in seinem Missverständnis Newtons unterstellte, sondern Grau.

Natürlich musste es die Kreisform sein, auf der Goethe die Farben darstellt, so dass die eine in die nächste übergeht und immer so fort bis zurück in den Ursprung, die Kontrastfarben Rot-Grün, Gelb-Violett und Blau-Orange einander gegenüber. Die Kreisform entspricht Goethes Naturverständnis, sie ist das Gegenteil zu Newtons zergliederndem Prisma, in dem sich die Farben aneinanderreihen. Kein Wunder, dass Goethe mit dem Phänomen des Regenbogens, der genau diese lineare, newtonsche Farbverteilung zeigt, nicht zurande kam: Er findet in der „Farbenlehre“ keine Erwähnung.

Die Ausstellung sei „als begehbares Buch konzipiert“, erläutern die Kuratorinnen und lassen souverän eine Fülle von Fachbegriffen einfließen, wie die der Simultan- und Sukzessivkontraste, um bei Goethes eigener, längst überholter Begrifflichkeit zu landen, den „katroptischen“, „entoptischen“ und „paroptischen“ Farben. Umso bedauerlicher, dass dem „begehbaren Buch“ kein Katalog zur Seite gestellt ist, eine Publikation soll, irgendwann, folgen. Was für eine Erleichterung für den mit knappen Wandtexten versorgten Besucher, mit einem Mal Tafel XII der „Farbenlehre“-Ausgabe zu sehen, auf der „Newtonische Mucken“ zu entdecken sind – fette Stubenfliegen, deren lichtbeugende Beinchen dem englischen Physiker als Exempel dienten.

Ob es nur Mücken sind oder auch Macken, die da verhandelt werden? Die bleibende Leistung Goethes ist es, Licht und Farben als Sinnesphänomene erkannt zu haben, untrennbar vom Auge des Betrachters. „Die Farben sind Taten des Lichts, Taten und Leiden“, aber mehr noch sind sie Taten und Leiden des Auges. Goethes Anstöße reichen nicht in die Physik, die ihn schon zu Zeiten der Erstpublikation seines naturwissenschaftlichen Hauptwerkes nur kopfschüttelnd zur Kenntnis nahm, sondern in die Wahrnehmungspsychologie.

Ihn stieß die mathematisch-kühle Methode Newtons ab, und hätte er die Romantiker nicht so verachtet, er hätte sich C.D. Friedrichs Wort „erklügelt“ ausleihen mögen. Amüsant wird die Ausstellung, wo sie Goethes Erläuterung der Wirkungsweise von Farben auf das „Gemüt“ darstellt: Der Weimarer Olympier bediente sich der Klatschgazette „Journal des Luxus und der Moden“, um anhand neuester Damenkleider Farben und Charaktere zu analogisieren. Und Goethe war sich nicht zu schade, Tapetenmuster zu sammeln, um Ratschläge zur Wohnungsgestaltung zu geben. Das eigene Haus am Weimarer Frauenplan ist nach seinen Grundsätzen gestaltet, heiter-gelb das Esszimmer, ruhig-grün die Studierstube, würdig-blau das „Junozimmer“ für Empfang und Konversation.

Neben den zahllosen Objekten aus Goethes überreicher Hinterlassenschaft, den Farbscheiben, -schirmen und ausgestopften Tieren in Dioramen-Kästen, mangelt es der neuen Dauerausstellung an Zeichnungen und Aquarellen. Jedenfalls im Original: Denn der Dauer und der taghellen Beleuchtung wegen können nur Reproduktionen gezeigt werden. Wie gut auch immer sie sein mögen, wäre da nicht ein abgedunkeltes Kabinett mit regelmäßig ausgetauschten Originalen möglich gewesen? Denn auch Goethes Kunst bildet einen Bereich, der im allgemeinen Bewusstsein gegenüber dem dichterischen Werk weit, weit hinten liegt.

Letztlich steht die „Farbenlehre“ stellvertretend für das Weltbild Goethes. Warum sie sich so wenig verbreitet habe, fragte ihn Eckermann 1831, ein Jahr vor dem Tod. „Sie ist sehr schwer zu überliefern“, führte Goethe aus, „denn sie will nicht bloß gelesen und studiert, sondern sie will getan sein“. Die eigene Erkenntnis ist gefordert, wie Goethe umgekehrt die analytische Naturwissenschaft kritisiert. In den „Maximen und Reflexionen“ heißt es, es sei „das größte Unheil der neuen Physik, dass man die Experimente gleichsam vom Menschen abgesondert hat und bloß in dem, was künstliche Instrumente zeigen, die Natur erkennen“ wolle.

Wie hingegen Goethe die Natur zu erfassen suchte, mit allen Sinnen, hat ein Landsmann Newtons, der Maler William Turner, demonstriert, mit dem Gemälde „Der Morgen nach der Sintflut“ und dem Zusatz „Licht und Farbe (Goethes Theorie)“: eine Ursuppe, ein Farbstrudel, und das Gegenteil von einem sauber ausgerichteten Prisma à la Newton. In die Einleitung zur „Farbenlehre“ von 1810 rückte Goethe die Verse ein: „Wär' nicht das Auge sonnenhaft / Wie könnten wir das Licht erblicken? / Lebt nicht in uns des Gottes eigene Kraft, / Wie könnt’ uns Göttliches entzücken?“ Ebendiesem Entzücken verdankt sich das in der Erstausgabe 1400 Seiten umfassende Magnum Opus. In ihm sind Verstand und Empfinden, wissenschaftliche und künstlerische Erkenntnis noch nicht geschieden – vielleicht ein letztes Mal.

Weimar, Goethe-Nationalmuseum, bis 19. Juni 2011. Kein Katalog. www.klassik-stiftung.de

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