Kultur : Götter, Kleber und Giganten

Heute feiert Berlin die Restaurierung des Pergamonaltars – ein Meisterwerk des Bildhauers Silvano Bertolin

Michael Zajonz

Es ist ein Triumph, drunter macht es die Stiftung Preußischer Kulturbesitz nicht: Heute wird der Pergamonaltar nach zehnjähriger Restaurierung mit einem Festakt der Öffentlichkeit übergeben. Das „größte Antikenprojekt nördlich der Alpen“, wie es scherzhaft in Insiderkreisen genannt wird, ist damit vollendet. Das 1901 auf der Museumsinsel erstmals in einem eigenen Gebäude provisorisch aufgestellte Riesenwerk hat seine endgültige Präsentationsform gefunden. Der vor 2200 Jahren entstandene Kultbau gehört zu den Hauptwerken hellenistischer Bildhauerkunst und ist bis heute Dreh- und Angelpunkt der Berliner Museumsinsel; hier hat die Idee des Spree-Athen ihren stärksten und publikumswirksamsten Ausdruck gefunden.

So schön war er nie. Zumindest nicht in der Neuzeit. Die 117 Platten, auf denen der Kampf der Götter gegen die Giganten dargestellt ist, wurden dafür neu zusammengesetzt. Bisher verbarg der Dreck von hundert Jahren die beeindruckende Plastizität der Figuren: ihre muskulösen Körper, die flatternden Gewänder und fliegenden Locken, die Dramatik des Getümmels. Wiedererschaffen hat sie der Bildhauer Silvano Bertolin, der sich trotz dieser herkulischen Leistung bescheiden gibt: „Wir haben keine Radikalreinigung gemacht, sondern nur den Schmutz der letzten hundert Jahre entfernt.“ Der Meister-Restaurator – in anderen Berufsgruppen würde man ihn Superstar nennen – kommentiert seine Arbeit nur ungern.

Der heute 65-Jährige hat auch nach einigen tausend Restaurierungen seine Anfänge nicht vergessen: Die Aegineten, eine archaische Giebelgruppe aus der Münchner Glyptothek, begründeten Anfang der Sechzigerjahre seinen Ruf als Restaurator. Auf München – dort restaurierte er anschließend den kompletten Bestand – folgten Antikensammlungen in Kassel, Frankfurt und Stuttgart. Bald klopften auch der Louvre, das Athener Nationalmuseum und das Getty Museum in Los Angeles an seine Werkstatt am Münchner Königsplatz 1a. Und seit den Achtzigerjahren kam immer wieder auch Wolf-Dieter Heilmeyer, damals Direktor des Charlottenburger Antikenmuseums. Er war es, der Bertolin 1996 zu seinem bisher größten Auftrag verhalf: zur Restaurierung aller figürlichen Teile des Pergamonaltars. „Allein die Stücke in der Hand zu halten, empfand ich als große Ehre. Eine gewaltige Arbeit,“ so der Restaurator. „Diese 150 Tonnen Stein haben wir bestimmt zwei Dutzend Mal bewegt.“

Das erste aus dem laufenden Haushalt finanzierte Großprojekt der Berliner archäologischen Sammlungen bewertet Heilmeyer als Zukunftsversprechen – auch wenn er seine Fertigstellung nicht mehr als Direktor der wiedervereinigten Antikensammlung sondern als Pensionär erlebt. Bertolin sei stets, so auch seine kommissarische Nachfolgerin Gertrud Platz, im Kostenrahmen geblieben. Bereits 1994/95 durfte er – gewissermaßen als Generalprobe – mit amerikanischen Drittmitteln den Telephosfries restaurieren: eine arg löcherig überkommene Heldensaga, die einst den Hof mit Opferblock umschloss und heute über die Altarstufen zu erreichen ist. Bertolin hatte seine liebe Mühe mit den Folgen der ersten Restaurierung von 1878–1880. Damals verwendeten die Restauratoren – auch sie Italiener – Zement, Gips und Eisendübel, die den Stein zu sprengen drohten. Bertolins Mitarbeiter mussten sie wieder entfernen, mit Bohrern und Ultraschall wie beim Zahnarzt oder, wenn sonst nichts mehr half, behutsam mit Hammer und Meißel.

Und dann die losen Fragmente. Drei große Depoträume in den Katakomben des Pergamonmuseums sind randvoll davon. Manchmal nur amorphe Brocken, die der Ausgräber Carl Humann gerade noch vor dem Kalkofen retten konnte, bevor die Bewohner Bergamas (so heißt Pergamon heute) sie nach und nach verfeuerten. Manchmal auch Köpfe oder die geschuppten Schlangenbeine der Giganten, die im Kampf mit den Olympiern so grandios untergehen.

Bertolin versteht sich als Handwerker, als einer, der lieber anpackt, statt im Büro zu sitzen. Als im Prado 17 von ihm restaurierte Skulpturen im Beisein des spanischen Königspaars übergeben wurden, fühlte er sich in Berlin unabkömmlich. Der Meister spricht durch seine Arbeit, das sagt auch seine Frau Ludmilla, die für ihn seit 39 Jahren Termine organisiert, die Bücher führt, ja sogar selbst Hand anlegt an die kostbaren Stücke aus Stein, Bronze oder Ton. Neben ihr gehören derzeit sieben Mitarbeiter zur Werkstatt, darunter auch Bertolins Neffe, die Schwiegertochter und ihr Sohn – ein ausgebildeter Architekt, der die Familientradition fortführen soll.

„Restaurieren kann man nicht in der Schule lernen“ meint Bertolin mit Nachdruck, „meine Mitarbeiter sollten eine künstlerische Ausbildung haben. Aber was noch mehr zählt: Zur Restaurierung gehört Leidenschaft.“ Diplomrestauratoren, seit Jahrzehnten in Deutschland und Italien ausgebildet, schätzt Bertolin weniger: „Ich bilde lieber selbst aus, habe meine eigenen Methoden. Die Leute von den Restauratorenschulen benutzen zu viele Chemikalien.“ Den Pergamonfries hat er mit Wasser reinigen lassen.

Bertolin, der an der Kunstschule im norditalienischen Spilimbergo das Malen, Modellieren und Zeichnen studierte, ist Purist, wenn es um antike Originale geht. Das hält ihn nicht davon ab, sich an Rekonstruktionen wie der hellenistischen Polyphem-Gruppe von Sperlonga zu versuchen. Oder beim Wettbewerb einer Schönheitsklinik („Man geht kaputt rein und kommt restauriert raus“) eine „sehr berühmte griechische Skulptur“ zu komplettieren. Wenn das Ergebnis bekannt gegeben wird, dürften „die Archäologen auf die Barrikaden gehen“, verrät der Meister mit diebischer Freude. Gerade hat ihm Casarsa della Delizia, sein Heimatstädtchen bei Pordenone, den Auftrag erteilt, die nie ausgeführten Skulpturen einer neogotischen Kirchenfassade zu modellieren. Auf die Frage, ob dies seine ersten „modernen“ Werke werden sollen, erklärt Silvano Bertolin: „Ich mache sie auf meine Art.“

In Berlin hat er jedenfalls größtmögliche Werktreue bewiesen. Dabei ist ihm zusammen mit dem Kurator der Antikensammlung Volker Kästner so mancher Glücksgriff aus dem mehrere tausend Stücke umfassenden Fundus gelungen: Wie durch ein Wunder konnte er einem Giganten ein bisher herrenloses Schlangenbein zuordnen. Bertolins jahrelanger Erfahrung und seinem Gespür für die Ästhetik des Mammutwerks ist es zu verdanken, dass auch die Demeter-Gruppe verstanden werden kann. Die wehrhafte Göttin hält nun eine zweite Fackel in den Händen, mit der sie einen anstürmenden Giganten blendet. Ein Restaurator bringt Licht ins Dunkel. Und der Pergamonaltar erstrahlt.

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