Kultur : Good bye, Easy Rider!

Zum Tod des exzentrischen Filmschauspielers und Regisseurs Dennis Hopper

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Berserker des Kinos. Dennis Hopper in seinem Regiedebüt „Easy Rider“ (1969). Foto: DEFD
Berserker des Kinos. Dennis Hopper in seinem Regiedebüt „Easy Rider“ (1969). Foto: DEFDFoto: defd

Der Tiefpunkt ist erreicht, als er sich eine Sauerstoffmaske über Mund und Nase zieht. Gierig inhaliert er und rutscht auf Knien auf die Frau zu, die mit gespreizten Beinen vor ihm sitzt. „Mama“, stammelt der Mann, den alle nur Frank nennen. „Baby möchte ficken!“ Eine Demütigungsszene, dieser Augenblick in David Lynchs „Blue Velvet“ (1986). Und ein Höhepunkt in Dennis Hoppers Karriere.

Dennis Hopper war Mitte der achtziger Jahre in Hollywood abgeschrieben. Reihenweise hatte er Regisseure mit seiner Renitenz in den Wahnsinn getrieben. Beinahe drei Liter Rum – täglich! – und Unmengen an Kokain schienen ihn zu ruinieren. Er ertränkte Filme im Suff und verwandelte sich langsam in den Fotoreporter auf Todestrip, den er in „Apocalypse Now“ verkörpert hatte. Die Rolle des Kriegsreporters habe ihn „an einen Narren erinnert, dessen Kostüm überall geheime Taschen hat. Anfangs pflegte er die Rätsel der Welt zu kennen und ihre Geheimnisse in seinen Taschen zu verbergen. Doch er hat vergessen, wie er sie benutzen soll“, erzählte Hopper einmal.

Auch für David Lynch war Hopper nicht die erste Wahl, als er eine Besetzung für seinen psychopathischen Gangster Frank Booth suchte. Aber Hopper soll ihn so rumgekriegt haben: „Ich muss diesen Frank spielen, ich bin Frank.“ Lynch wollte einen Dämon, und Hopper war genau der Richtige, um den Selbstekel des Süchtigen mit der Unberechenbarkeit eines Mannes auf Entzug zu verbinden. In Hollywood gab es lange keinen, der es in der Verkörperung von Niedertracht, Brutalität und Abschaum mit ihm hätte aufnehmen können. Seine diabolischen Ganoven in Filmen wie „Red Rock West“, „Waterworld“ oder „Speed“ waren furchtlose Maniacs, die eine fehlgeleitete rebellische Obsession in Bann hielt. Trotz aller Widerwärtigkeit umgab sie ein Mysterium. Das war Hoppers große Kunst.

Allerdings war Hopper bei der Auswahl seiner insgesamt über 140 Rollen nicht zimperlich. „Ich habe in einigen wenigen Qualitätsfilmen mitspielen dürfen“, sagte er einmal, „der Rest ist Schrott.“ Das Mainstreamkino war ihm gleichgültig. Dafür veredelte er bemitleidenswert schlechte Horrorfilme wie „Texas Chainsaw Massacre 2“ mit eindrucksvoll hysterischen Auftritten. Oft allerdings glaubte er, sich mit Comic-Charakteren aus der Affäre ziehen zu können. Und er tat gut daran. Immer, wenn er als Charakterdarsteller mit Figuren konfrontiert wurde, die viel mit ihm selbst und seiner Leidenschaft für Drogen, Kunst und schöne Frauen zu tun hatten, drohten sie ihn mitzureißen. Seine Auftritte als Trunkenbold und hilfloser Vater in „Rumble Fish“ oder auch als empfindsamer, schwitzender Kunsthändler in „Basquiat“ zeugen davon.

Geboren wird Dennis Hopper 1936 auf einer Farm in Dodge City, Kansas. Mit sechs wird ihm mitgeteilt, dass sein Vater im Krieg gefallen ist. Als Jay Millard Hopper 1945 plötzlich zurückkehrt, ist das für Hopper nicht weniger schockierend. Der Vater sei beim OSS gewesen, heißt es, dem Vorläufer des CIA. Nachdem die Familie nach San Diego übersiedelt, zieht Dennis als Schauspiel-Stipendiat schnell Aufmerksamkeit auf sich. Mit 19 spielt er in „Denn sie wissen nicht was sie tun“ das Mitglied einer Jugendgang an der Seite von James Dean. Den Unfalltod des kaum älteren Stars kann er lange nicht verwinden. Vor allem glaubt er, wie Dean Filmrollen so spielen zu dürfen, wie er es für richtig hält, was zu heftigen Spannungen mit Regisseuren führt. 1957 dauert ein Streit beim Dreh zu „Schieß zurück, Cowboy“ 15 Stunden, bevor Hopper nachgibt – und entlassen wird.

Danach wendet er sich, der eigentlich Maler hatte werden wollen, intensiv der Fotografie zu. Er geht nach New York und macht zahlreiche Porträts von Künstlerfreunden wie Warhol, Oldenburg, Rosenquist, Rauschenberg und Hockney. Jane Fonda steht ihm als Amor mit Pfeil und Bogen Modell. Die „Vogue“ und „Harper’s Bazaar“ drucken seine Bilder. Von Joan Baez nimmt er die schlammverkrusteten Füße auf, als sie am Civil Rights March von Martin Luther King teilnimmt. Er fühlt sich den Beatniks und Rockern verbunden, die sich mit ärmellosen Lederjacken und Tätowierungen vom Establishment abwenden. Obwohl nur bis 1967 als Fotograf aktiv, bringt Hopper zuletzt eine 546 Seiten starke Anthologie der Fotos heraus und nennt sie sein „Vermächtnis“.

Mit Brooke Hayward, Tochter eines Hollywood-Produzenten und Hoppers erste von fünf Ehefrauen, kehrt er Mitte der Sechziger nach Los Angeles zurück. Wie viel in dem allenfalls geduldeten Nebendarsteller steckt, zeigt sich, als er und sein wohlhabender Freund Peter Fonda 400 000 Dollar zusammenkratzen, um „Easy Rider“ zu drehen. Der Film über zwei Motorrad-Hippies, die von weißen Farmern abgeknallt werden, spielt über 50 Millionen Dollar ein. Und er bildet mit seinen verzerrten Kameraperspektiven und der aufpeitschenden Rockmusik von Steppenwolf den künstlerischen Höhepunkt des psychedelischen Kinos, das LSD-Erfahrungen ungefiltert in Bilder übersetzt. „Easy Rider“ begründet Hoppers kurze Karriere als Vorreiter des New-Hollywood-Kinos. Von da an wurden auch Autorenfilmern wie Coppola, Martin Scorsese, Peter Bogdanovich und Michael Cimino, die sich nicht im Studiosystem hochgearbeitet hatten, große Budgets zugestanden.

Hopper selber, der noch ein ganzes Jahr lang in der Wildlederkluft seiner Bikerrolle durch die Gegend lief und immer mehr dem Drogenkonsum verfiel, bekam eine Million Dollar, um einen lang gehegten Traum zu verwirklichen: „The Last Movie“. Doch die Story über einen Stuntman, der sich in Peru vom Filmgeschäft zurückzieht, bekam 1971 nicht einmal einen Verleih. Und Hopper weigerte sich, seine Schnittfassung zu ändern.

Viele Filme als Regisseur hat Hopper nicht gemacht. Aber jeder fasste seine Zeit in hypnotischen Bildern zusammen. Die Desillusion der Sechziger schlug 1971 in „The Last Movie“ durch. Zehn Jahre später lieferte er mit „Out of the Blue“ eine deprimierende Studie der No-Future-Generation. In „Colors“ mit Robert Duvall und Sean Penn griff Hopper 1988 die Bandenkriege in Los Angeles auf, die er als Ausdruck einer vaterlosen Gesellschaft begriff.

Zuletzt wurde Hopper zunehmend als Maler und Fotograf wahrgenommen und auch mit Einzelausstellungen bedacht. Und doch bleibt er als König der Nebenrollen in Erinnerung. Die Abstecher ins europäische Kino mit seinen Selbstbefragungen gaben dem verkrachten Hollywoodstar die Möglichkeit, sich mit seiner Maskenhaftigkeit auseinanderzusetzen. Wim Wenders etwa zeigte ihn als melancholischen Gangster in „Der amerikanische Freund“. Auf einem Billardtisch liegend, schoss Hopper unablässig Polaroids von sich, bis sie um ihn herum alles bedeckten – wer bin ich?

Ja, wer war Dennis Hopper? Den Hollywood-Star in späteren Jahren zu treffen, bedeutete, einem Mann ohne Allüren zu begegnen, nachdenklich und zuvorkommend. Über seinen Beruf sagte er: „Wenn man mit seinen Sinnen und einem emotionalen Gedächtnis arbeitet, sich Gefühle, Düfte und Klänge immer wieder in Erinnerung ruft, bringt einen das zwangsläufig an eine Grenze, weil die Nerven zu Saiten einer Violine werden.“

Ende September 2009 wurde bei dem noch immer viel beschäftigten Schauspieler Prostatakrebs diagnostiziert. Am Freitag ist Hopper, ein Berserker des Kinos, im Alter von 74 Jahren in Venice bei Los Angeles gestorben.

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