Boris Groys hat brillant analysiert, wie Google funktioniert: Es löst Diskurse auf und verwandelt sie in Clouds aus Wörtern

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Google und die Literatur : Die Spaltung der Zukunft
Adam Thirlwell

In einem Katalogtext für Tacita Dean klagte ich über die Art und Weise, mit der jeder Seitenklick kontrolliert wird, und fürchtete um die Zukunft der Avantgarde, falls jede Form künstlerischer Gestaltung dem Terror der Spannung unterworfen wird. Wie mich auch eine digitale Bibliothek beunruhigt, die vor allem von Lesern aufgesucht wird, die sich von Algorithmen dazu haben anleiten lassen.

Andererseits gibt es kein Leben ohne Doppeldeutigkeit. Eine der brillantesten Untersuchungen in dieser Hinsicht hat Boris Groys geleistet, der in einer Broschüre für die letzte Documenta die neue Linguistik diskutierte, der wir uns alle ausliefern: der Philosophie von Google. „Heute“, schrieb Groys, „führen wir unseren Dialog mit der Welt in erster Linie über das Internet. Wenn wir der Welt Fragen stellen wollen, betätigen wir uns als Internetnutzer. Und wenn wir die Fragen beantworten wollen, die uns die Welt stellt, handeln wir als Content Provider. In beiden Fällen wird unser Dialogverhalten von den spezifischen Regeln definiert, nach denen Fragen innerhalb des Internet-Rahmens gestellt und beantwortet werden können.“

Jeder weiß, wie dieser Dialog aussieht: „Jede Frage muss als ein Wort oder eine Kombination von Wörtern formuliert werden. Die Antwort wird als Reihe von Kontexten gegeben, in denen dieses Wort oder die Wortkombination von der Suchmaschine entdeckt wird. Das heißt, dass Google die zulässige Frage über die Bedeutung des einzelnen Wortes definiert. Und es identifiziert die zulässige Antwort auf diese Frage als eine Anzeige sämtlicher zugänglicher Kontexte, in denen dieses Wort auftaucht.“ Groys erklärt Google also zu einem avantgardistisches Gebilde – der futuristischen Maschine schlechthin. „Google löst alle Diskurse auf, indem es sie in Clouds von Wörtern verwandelt, die als Wörtersammlungen jenseits der Grammatik fungieren.“

Hier entsteht ein Problem. Denn nachdem Google begrenzt ist, und nachdem wir wissen, dass seine Algorithmen eine Vorauswahl treffen und deshalb nur ein äußerst begrenztes Angebot aller verfügbaren Kontexte liefern, bemächtigt sich ein Verschwörungsverdacht unseres Denkens. „Das Subjekt einer Google-Suche wird in ein Ringen um Wahrheit verstrickt, das sowohl metaphysisch wie politisch und technologisch ist.“ In genau dieser doppeldeutigen Situation befinden wir uns gerade. „Das ,real existierende‘ Google kann nur aus der poetischen Perspektive eines sozusagen utopischen Google kritisiert werden – eines Google, das die Ideen von Gleichheit und Freiheit für alle Wörter verkörpert.“

Seien wir uns doch im Klaren: Politisch gesehen, ist das Digitale fast immer die wirkende Kraft einer Spaltung. Es ist nicht nur das Medium der Literatur, sondern auch das des Finanzwesens. Das Digitale kann einen absoluten Konservatismus verstärken, dem überdies zu Hilfe kommt, dass er uns eine Totalzerstreuung auferlegt. Aber während es eine radikale Alternative ist, das Digitale ganz aufzugeben und Materialien, Objekte und eine Art animalischer Avantgarde zu erforschen, bei der die Kunst des Romans von einer Rückkehr zur Taktilität des Buches verkörpert wird, gibt es auch eine zweite Form des Radikalismus: sich das Digitale anzueignen. Es ist die Möglichkeit einer solchen Aneignung und eines solchen schadenfrohen Missbrauchs, der mich für die unberechenbare Zukunft so fröhlich stimmt.

Aus dem Englischen übersetzt von Gregor Dotzauer. – Adam Thirlwell, 1978 in London geboren, zählt zu den besten britischen Autoren seiner Generation. Zuletzt erschien im S. Fischer Verlag sein Buch „Der multiple Roman“. Sein Text ist ein Auszug aus dem Eröffnungsvortrag, den Thirwell für die Konferenz „Literatur digital“ schrieb. Sie fand am Freitag und Samstag im Haus der Kulturen der Welt Berlin statt. Sie wurde kuratiert von Katharina de la Durantaye (Humboldt Universität) sowie den Schriftstellern Mathias Gatza und Ingo Niermann, die zu der Autorenvereinigung Fiktion gehören, die den digitalen Raum literarisch neu erobern will. Auf der Website fiktion.cc finden sich weitere Informationen.

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