Kultur : Gott bleibt stur

KERSTIN DECKER

Schlomo, der Idiot, hat es gesehen: Die Nazis deportieren das Nachbardorf. Ein bittendes Klagen und aufforderndes Stöhnen geht durch die Ältestenversammlung des Schtetls. Aber Gott bleibt stur. Er antwortet nicht. Auf solche Fälle ist auch er nicht vorbereitet. Nur Schlomo hat eine Idee, eine richtige Schlomo-Idee, die sogar der überlegenswerte Einwand "Aber er ist doch ein Idiot!" nicht mehr fortbringen kann: Wir deportieren uns selbst! Natürlich muß man für sowas gute Beziehungen zum örtlichen Eisenbahnwesen haben. Und wird es nicht billiger, gleich einen ganzen Zug zu kaufen anstatt alle Waggons einzeln? Vor allem aber - braucht man eigene Nazis. Wer will Nazi werden? Das Wehklagen wird lauter. Nein, Nazi-Werden verzeiht Gott nicht. Andererseits, das muß man sagen, hat die SS natürlich viel schönere Abteile. Und wir, die anständigen Juden, müssen in Viehwaggons fahren? Man sollte das schon sorgfältig abwägen. Sicher ließe sich auch die kommunistische Zelle des Schtetls als SS zwangsverpflichten. Aber kenne sich einer aus bei den Kommunisten! Sicher denken sie gerade wieder darüber nach, bis zum Ausbruch der Weltrevolution in den Untergrund zu gehen.

"Train de vie", eine Komödie über den Holocaust. Nein, inzwischen muß man wohl sagen: noch eine Komödie über den Holocaust. Oder: die übersehene Komödie über den Holocaust? "Train de vie" bekam den Kritikerpreis bei den Filmfestspielen in Venedig 1998. Bis heute hat er keinen deutschen Verleih gefunden. Dabei löst dieser Eröffnungsfilm des 5. Jüdischen Filmfestivals in Berlin vielleicht erst wirklich ein, was Benignis "Das Leben ist schön" versprach. Sicher, auch Benignis Wagnis ging auf. Der Film hat großartige Augenblicke. Er spart selbst die Gaskammern nicht aus, nicht dieses "Die machen Schnürsenkel und Seife aus uns!" und ist doch von der bloßen Klamotte nie weit entfernt. Vielleicht hat Benigni für diesen wahrhaft seiltänzerischen Akt über einem bodenlosen Abgrund die Preise bekommen.

Und man vergaß die vielen Beinahe-Abstürze ins Sentimentale, etwa die unerträgliche Grammophon-Offenbach-Szene im Konzentrationslager. Benigni hatte das Seilende erreicht, die größte Katastrophe der Menschheit auf den Schultern. Völlig klar, daß der Strick da vibriert und manchmal zu reißen droht. "Train de vie" dagegen ist ein Seiltanz. Schwerelos. Traumsicher. Und - poetisch. Ironisch. All das, wovon Benignis Film weltenfern ist. Hat jemand wirklich gelacht in "Das Leben ist schön"? Hier kann man nicht anders.

Nun ließe sich sagen, ein Film über den Holocaust dürfe vieles, nur nicht märchenhaft, nicht poetisch sein. Vielleicht, weil man Poesie und Kitsch nicht trennt. Es ist jene Märchenhaftigkeit, wie sie aus der ständigen Nähe zum Absurden und Alltäglichen kommt. Denn was ist die größte Gefahr auf dieser seltsamen Reise ins gelobte Land? Natürlich eine, mit der niemand gerechnet hat. Ihr Zug steht nicht im Fahrplan! Mordechai, vom Ältestenrat ernannter SS-Kommandeur, muß schon jeden Durchschnitts-Nazi an Schneid übertreffen, will er die besondere und streng geheime Mission seines Zuges ("Wir transportieren Kommunisten und Juden, nein, Juden, die auch noch Kommunisten sind, also Judenkommunisten ... ") glaubhaft erklären. Die richtigen Dorf-Kommunisten gründen inzwischen in jedem Waggon eine Parteigruppe. Und Mordechai muß immer öfter denken, daß, seitdem er SS-Offizier ist, sich seine Stellung gegenüber dem Rabbi doch erstaunlich verbessert hat. Gestern beim Gebet zum Beispiel behielt seine ganze SS-Kompanie die Mützen auf! Das hätte es früher nicht gegeben.

Mit wunderbarem Aberwitz ist das gespielt in jeder einzelnen Rolle. "Train de vie" ist ein französischer Film, geschrieben und gedreht von dem rumänischen Regisseur Radu Mihaileanu, besetzt mit überwiegend rumänischen Schauspielern.

Der größte Unterschied zu "Das Leben ist schön" aber liegt vielleicht im Schluß beider Filme. Es ist eine ganz und gar gegenteilige Bewegung. Benigni streift den Kitsch, Mihaileanu ... nein, dieses Ende muß jeder selber sehen.

"Jüdische Männer im Film" heißt das diesjährige Festival im Arsenal, nachdem es vor zwei Jahren den jüdischen Frauenbildern galt. Acht Spielfilme und mehrere Dokumentationen. Ein jüdischer Mann ist auch jener Überlebende aus "Singing in the dark" (1956), einem der ersten amerikanischen Spielfilme über den Holocaust. Jemand, dem der Anprall der Erinnerung das Gedächtnis löscht. Das Nicht-mehr-wissen-Müssen als Gnade. Aber das Thema "Jüdische Männer im Film" läßt sich auch im Sinne des Satirikers Gabriel Laub verstehen. Jeder Mann brauche im Leben drei Frauen: eine Mutter, eine Ehefrau und eine, die ihn für einen Mann hält. Wer die Suche schon aufgegeben hat, geht sicher ins Dampfbad. "The shvitz" heißt die einfühlsame Reportage aus einem der letzten russisch-jüdischen Bagnas in Amerika. Entblößte Spieler, New-Age-Masseure, Schwule, alle sind sie da. Es sei der verdammt beste Ort, heißt es, in anständiger Gesellschaft geräucherten Lachs und Wodka zu bekommen.

Die Welt vom Dampfbad aus gesehen. Vielleicht ist das genau der richtige Abstand, den man ihr gegenüber einhalten sollte. Und alles Unglück der Welt kommt nur daher, daß die Menschen nicht einfach in der Sauna bleiben können. So ungefähr hatte es schon Pascal gesagt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben