Kultur : Gottes Pfeifen

Deutsches Theater: Nicolas Stemann lässt vom „Aufhören!“ singen

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Künstler mit Weitblick. Andreas Doehler, Maria Schrader und Felix Goeser (von links). Foto: Eventpress Hoensch
Künstler mit Weitblick. Andreas Doehler, Maria Schrader und Felix Goeser (von links). Foto: Eventpress HoenschFoto: Eventpress Hoensch

Welch beneidenswerte Freiheit doch der Künstler besitzt, vorausgesetzt, er ist erfolgreich. Nehmen wir, mal so als Beispiel, einen Theaterregisseur, der seit 15 Jahren erfolgreich landauf, landab durch die großen Häuser tingelt. Das ist natürlich toll. Andererseits ist es – puh – auch ganz schön anstrengend, so begehrt zu sein. Denn die Intendanten und Zuschauer (und Kritiker) wollen ja schließlich, dass man mit jeder Inszenierung eine Interpretation von irgendwas liefert, also „Sinn produziert“. Und Sinn produzieren ist eine Wahnsinnplackerei, bei der man mitunter den Sinn des eigenen Tuns aus den Augen verliert. Doch zum Glück gibt es Tröstungen. Der schnelle Online-Blick auf den Kontostand. Devot nickende Assistenten oder Dramaturgen. Einladungen zum Theatertreffen. Obwohl: Schon wieder mit den gleichen Pappnasen um ein Wilmersdorfer Lagerfeuer stehen und zum zigsten Mal den Branchenklatsch durchkauen, während drittklassige Schauspieler um einen herumschleichen und auf den richtigen Ansprechmoment warten. Ist doch auch schrecklich, letztlich.

Selbstverständlich kennt jede Branche die Schalheit des Erfolgs. Die Mechanismen des Betriebs haben Oberhand gewonnen, man ist zwar oben, aber trotzdem – ach – auch nur ein Rädchen in der großen Maschine des Falschen. Da lässt sich mit gutem Recht ein bisschen divenhaft vor sich hinjammern: „Ich will aufhören! Das hat doch alles keinen Sinn mehr!“

Die Frage ist, was nach der Heulerei kommt. Und da setzt die geradezu unverschämte Freiheit des Künstlers ein. Denn während der erfolgreiche Nicht-Künstler sich vielleicht als Sinnersatz einen Porsche kaufen muss oder, weil er es wirklich nicht mehr aushält, beruflich umsattelt oder zur Kontaktaufnahme mit der Wirklichkeit ein halbes Jahr um die Welt reist; während der Nicht-Künstler also etwas ändert, kann der Künstler einfach weitermachen: Er verkauft sein Selbstmitleid einfach als Kunst und seinen Arbeitsekel als gesellschaftliches Phänomen. Weil er selbst die Erfahrung scheut (zum Beispiel die Erfahrung ein ganzes Jahr nicht zu inszenieren), macht er einen koketten Liederabend über die Erfahrungslosigkeit des privilegierten iPhone-Ichs und die pupsgemütliche Alles-hinschmeiß-Pose des narzisstisch gekränkten Medienarbeiters. Der Selbst- und Publikumsbetrug war auch mal subtiler.

In Nicolas Stemanns Liederabend „Aufhören! Schluss jetzt! Lauter! 12 letzte Lieder!“ stehen also Schauspieler in glitzernden Kostümen als Mitglieder einer Band auf der Bühne des Deutschen Theaters und singen zwei Lieder übers Aufhören. Eines davon heißt „Auf Wiedersehen und tschüss“, das zweite so ähnlich. Dann winken die Sängerschauspieler wie nach einem Rockkonzert ins Publikum und rufen: „Danke Berlin!“ und trotten von der Bühne. Dann kommt einer zurück und sagt betreten: „Äh, das ist uns jetzt peinlich, der Abend handelt ja vom Aufhören! Und jetzt ist eigentlich schon Schluss. Na ja. Sie fragen sich vielleicht, wieso sie für diesen Scheiß 36 Euro zahlen sollen? Tja, das Geld ist trotzdem weg. He, he.“

Und weil die Zuschauer tatsächlich bleiben, geht es doch weiter, mit einer Art Sketch: Zwei spielen das Cover der Spiegel-Ausgabe nach, in der die Titelstory vom Burn-out einer ganzen Gesellschaft handelt. Dann kommt wieder ein Lied, das heißt „Depressiver Tag“ und dann noch eins mit dem Titel: „Reicht das fürs Theater? Reicht das wirklich aus? Reicht das für ein großes Staatstheater-Haus?“ Offensiv ausgestellte Ambitionslosigkeit wird aber auch nicht durch offensiv ausgestellte Selbstironie besser. Auf dem Öl dieses Pennälerhumors glitscht der Abend weiter. Mal wird über Video live auf eine Aussteiger-Party geschaltet, wo von Horst Köhler bis Margot Käßmann alle Rücktreter des letzten Jahres zu Techno abhotten, mal sitzt der Regisseur am Klavier und fragt singend, was die Kritikerin von der „Süddeutschen“ wohl von dem Ganzen hält.

Man selbst fragt sich, ob dieses Bauchnabel-Gepule irgendwo hinführt. Ob das Karussell des Selbstbezugs vielleicht irgendwann heißläuft, und – wie damals bei Schlingensief – doch etwas wie Schmerz oder Wahrhaftigkeit aufscheint. Tut es aber nicht. Alles bleibt im inneren Kreis der Eitelkeit. Gott tritt auf und pfeift ein bisschen, die tapfere Margit Bendokat liest Geschichten von einem Typen namens Kautner, Maria Schrader mimt eine Celebrity-Ziege, und am Ende singen alle Abba und Queens „The show must go on.“ Hoffentlich ist das Townhouse jetzt wenigstens abbezahlt.

Wieder am 25.2., 6. und 11.3.

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