Gottfried Benn und die Frauen (2) : Liebe, Wahn und Sinn

Thea und Mopsa Sternheim, Mutter und Tochter, konkurrierten um die Liebe Gottfried Benns. „Die Poesie der Hörigkeit“ von Lea Singer erzählt ihre Geschichte als beispielloses Drama.

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Gegen die Wand. Thea Sternheim mit ihrer Tochter Dorothea 1915/16.
Gegen die Wand. Thea Sternheim mit ihrer Tochter Dorothea 1915/16.Foto: Wikipedia

Der von schweren Lidern verhangene Blick war sein Kennzeichen. Distanzgeste? Desinteresse? Charakterliche Kühle oder nur Ausdruck der „kalten Persona" der Zwischenkriegszeit? Über Gottfried Benns Gesichtsausdruck ist viel spekuliert worden. „Olle alte Traumaugen“, sagte Mopsa Sternheim. Sie gehörte, wie ihre Mutter Thea, die Ehefrau des Dramatikers Carl Sternheim, zu den Frauen in Benns Leben, die alles daran gaben, ihm den Blick – und vielleicht auch das Herz – zu öffnen. Bewegungslos blieb auch das Gesicht des Dichters beim Sprechen. Das hinterließ schon bei der 12-Jährigen Eindruck. Der Mann wurde zum Schicksal der beiden Sternheim-Frauen, die eine Liebe in ihm suchten, die sie einander nicht zu geben vermochten.

Die unter dem Pseudonym Lea Singer veröffentlichende Eva Gesine Baur, Verfasserin mehrerer biografisch-historischer Romane, hat nun das Leben Mopsa Sternheims erzählt, wie es sich insbesondere aus dem ausführlichen Briefwechsel zwischen Thea Sternheim und Benn nachzeichnen und von der Autorinnenfantasie überschreiben lässt. „Die Poesie der Hörigkeit“ ist ein beispielloses Familien- und Liebesdrama.

Mopsa ergibt sich dem Sog seiner „kalten“ Gedichte

Im Gegensatz zu Sternheims bis zur Emigration 1933 wohlhabender Frau, die selbst auch geschrieben hat, ist Mopsa im Sternheim-Komplex nie in den Vordergrund gerückt. Obwohl sie, eng befreundet mit den Schriftstellerkindern Klaus und Erika Mann, Pamela Wedekind und Annemarie Schwarzenbach, zur Jeunesse dorée der 20er Jahre gehörte, verliefen Kindheit und Jugend alles andere als glücklich. In der Eingangsszene blickt sie durch Gucklöcher in den zugefrorenen Fensterscheiben auf eine erstarrte Welt. Es ist das Sinnbild für das Leben in der schlossähnlichen Villa in La Hulpe. Den Kontakt zu ihr verdankt Benn dem promisken, an Syphilis leidenden Sternheim, der mit Benns Hilfe nicht zum Militär eingezogen wird.

„Man rennt bei diesem Mann mit dem Kopf gegen eine Mauer“, erkennt die faszinierte Thea schon früh. Für Mopsa, die jahrelang unter den sexuellen Nachstellungen ihres Vaters zu leiden hat und einem Erzieher ausgeliefert ist, der die beiden Sternheim-Kinder mit Alkohol und unangemessenen Geschichten füttert, ist der Mann ein Ereignis, das sie nicht mehr loslässt. Sie ergibt sich dem Sog seiner „kalten“ Gedichte und sucht bei Benn die Gefühlssicherheit, die es in ihrer Herkunftsfamilie nicht gibt. „Aus dem Hinterhalt hatte eine Welle sie überfallen, ihr die Füße weggerissen.“ Gemeint ist mehr als ein Stranderlebnis.

Dass Mutter und Tochter um Benn konkurrieren – auch wenn sich die streng katholische Thea nur platonische Annäherungen erlaubt – steigert die Dramatik der ohnehin komplizierten Allianz in der Belle-Alliance-Straße in Berlin-Kreuzberg, wo Benn nach dem Krieg praktiziert. „Können Sie Schreibmaschine schreiben?“, fragt Benn Mopsa, bevor er sie verführt. „Zersprengtes Ich / süß zerborstene Wehr“: In dieser Gedichtzeile wird sich die Benn-Hörige erkennen.

Singer findet eine subtile Sprache für die Traumatisierung der Sternheim-Frauen

Zwischen historischer Wahrheit und poetischer Ausdeutung changierend, oft von Gedichtzeilen Benns kommentiert, gelingt es Lea Singer die vom Benn-Sound besoffene Mopsa als eine Person einzufangen, die zwar besessen war von einer Wahnliebe, aber Benn und sein Werk durchaus distanziert zu betrachten vermochte. Dass Benn ihr bald nicht nur den Anblick seiner Hautekzeme, sondern auch das „Du“ vorenthält, das Einzige, was sie der Mutter voraushat, stürzt sie zwar in einen Selbstmordversuch, macht sie aber auch hart.

In gewisser Weise spielt sich das eigentliche Drama zwischen Mutter und Tochter ab, insbesondere als sie erkennen müssen, auf welch widerwärtige Weise sich der Dichter den neuen Machthabern in Deutschland andient. Während Benn Halt in der Form – auch der des NS-Staates – sucht, geriert sich Thea ob dieses Verrats wie eine „betrogene Ehefrau“, während sich Mopsa in einem Anfall von Heldenmut dem Widerstand anschließt. Über die „Blamage“, Benn „trotz allem“ zu lieben, können sie nicht sprechen.

Mopsas Tod – sie litt schon als junge Frau an Gebärmutterkrebs und nimmt sich 1954 in einem Schweizer Sanatorium das Leben – wird von Benn mit einem Rotstift im Kalender markiert. Ob sich das Gedicht „An –“ tatsächlich an sie richtet, sei dahingestellt. Überhaupt neigt Singer manchmal zum allzu ausdrücklichen Erklären. Für die Obsessionen und Traumatisierungen der beiden Sternheim-Frauen findet Singer jedoch eine subtile und eigenwillige Sprache, die Benns Kälte-Furor etwas entgegensetzt.

Lea Singer: Die Poesie der Hörigkeit. Roman. Hoffmann und Campe, Hamburg 2017. 219 Seiten, 20 €.

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