Kultur : Grad gesagt

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Über die historischen Verdienste des aktuellen Bundespräsidenten werden erst künftige Generationen entscheiden. Wohl aber lässt sich, gerade in diesen Tagen, da über gewisse Verhaltensweisen sowie Einlassungen des Amtsinhabers mit durchaus schillerndem Unterhaltungsbedürfnis debattiert wird, eines bereits feststellen. Für die Verbreitung des Adjektivs „gradlinig“, zumindest in seiner verschriftlichten Form, hat Christian Wulff Bleibendes getan.

Zudem gelang es ihm, einen Keil in die Verschriftlichungsmedien zu treiben, die eben noch mit einigem Biss gegen ihn zusammen gestanden hatten. Ja, bis in die Hauptschlagzeilen hinein zeigte sich die deutsche Medienlandschaft plötzlich geteilt. Die einen folgten Wulffs kantiger Diktion und schrieben das Kernbekenntnis seiner Reue-Rede so nach: „Das war nicht gradlinig, und das tut mir leid.“ Die anderen fügten, den Traditionen der Rechtschreibung verpflichtet, trotzig ein kleines „e“ ein und schrieben: „... nicht geradlinig“.

Geht man nach Google, so liegen die Konservativen damit weit vorn. Nicht nur finden sich dort für „geradlinig“ dreimal so viele Treffer wie für „gradlinig“, sondern die Suche nach letzterer Vokabel quittiert Google auch noch genüsslich mit: „Meinten Sie: geradlinig?“ Der Rechtschreib-Duden wiederum hat, wenig überraschend, beide Formen großherzig an seinen Busen gedrückt, wobei man getrost ein Wort des Bundespräsidenten abwandeln darf: Nicht alles, was laut Duden rechtens ist, ist auch richtig.

Dann aber vielleicht dies: „Grad“ als gesprochene Kurzform von „gerade“ ist geradewegs aus dem Südwesten der Republik ins Resthochdeutsche eingewandert – und damit wohl auch der Dialekt etwa der BW-Bänker nach Hannover und Berlin. Das vieldeutige Substantiv „Grad“ dagegen dürfte bei Wulffs Wortfindung nicht Pate gestanden haben, auch nicht sein phonetisch inniger Nachbar „Grat“. Andererseits, das Wandern auf schmalem Grat mit scharfer Kante – war das nicht grad noch seine Linie?

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