"Graecomania" von Hans-Werner Kroesinger : Leise rieseln die Cents

Erhellender Parcours durch die deutsch-griechische Geschichte der letzten 200 Jahre: Hans-Werner Kroesingers „Graecomania" am Berliner HAU.

von
Sonnensüchtig. Niels Heuser, Sina Martens, Lajos Talamonti und Mila Dargies (v.l.) gucken Griechenland-Dias.
Sonnensüchtig. Niels Heuser, Sina Martens, Lajos Talamonti und Mila Dargies (v.l.) gucken Griechenland-Dias.Foto: david baltzer / bildbuehne.de

„Noch mehr Geld für Pleitegriechen?“ Das fragte eine große Zeitung unlängst im Zusammenhang mit einem „Griechenlandhilfspaket“ genervt auf der Titelseite. Sie ist bekanntlich in breiter Gesellschaft. Die Hellasbegeisterung eines Johann Wolfgang von Goethe jedenfalls, der den Griechen einst bescheinigte, „den Traum des Lebens“ unter allen Völkerschaften „am schönsten“ zu träumen, scheint derzeit – wenn überhaupt – in einem eher entlegenen Winkel des öffentlichen Bewusstseins zu schlummern.

Die Dokumentartheatermacher Hans- Werner Kroesinger und Regine Dura wollen es wie immer ganz genau wissen. Sie nehmen das gegenwärtige hellenische Negativimage in ihrem Projekt „Graecomania 200 years“ im HAU 3 zum Ausgangspunkt eines erhellenden Theaterparcours durch 200 Jahre griechisch-deutscher Historie und entsprechender Imageproduktion. Für die vier Schauspieler Mila Dargies, Niels Heuser, Sina Martens und Lajos Talamonti beginnt der Abend auf Rob Moonens Bühne mit sonnensüchtiger Liegestuhllümmelei: Versonnen betrachtet man Videoaufnahmen der Akropolis, bewegt dazu Hände, Füße und Hüften im Takt schmissiger Griechenhits – und wird dann von der Faktenlage leicht ungemütlich aus der Fingerschnipsseligkeit gerissen.

„Leider sind wir pleite“

Zuerst geht es zurück ins 19. Jahrhundert. Und zwar nach Hamburg. Dort findet man im August 1821 an jeder Straßenecke den „Aufruf an deutsche Jünglinge“, „unseren christlichen Brüdern, den braven Griechen, zu Hülfe zu eilen“ im „Kampf gegen die Herrschaft der Muselmänner in Europa“. Unter den 423 Kämpfern aller europäischer Nationen, die dem Ruf folgen und in den griechischen Unabhängigkeitskrieg gegen die osmanische Herrschaft ziehen, sind über 200 Deutsche. Kroesingers und Duras Abend zeichnet minutiös nach, wie dann 1832 – ein machtpolitisches Kalkül der Großmächte – mit Otto von Wittelsbach ein nicht allzu starker bayrischer Prinz als griechischer König inthronisiert wird, der sich während seiner 30-jährigen Regierungszeit auf einen bayrischen Beraterkreis stützt und wie Griechenland schon 1893, als Schuldner der Großmächte, den ersten Staatsbankrott erlebt. „Leider sind wir pleite“, erklärt Sina Martens in der Rolle des damaligen griechischen Ministerpräsidenten Charilaos Trikoupis schlicht und trocken, als sei’s ein Text von heute.

Die Aus- und Durchleuchtung solcher historischer Parallelen beziehungsweise Kippfiguren ist das Markenzeichen von Kroesingers und Duras Dokumentartheater. Gewohnt luzide legt es die diversen globaleren – in diesem Fall (auch) deutschen geostrategischen wie ökonomischen – Interessenslagen offen, beobachtet ihre Kontinuitäten beziehungsweise Modifikationen über die historischen Epochen hinweg und führt zeigefingerfrei vor, was woraus folgt und wie womit zusammenhängt.

Klischee, Projektion und Realität überlagern sich

In der Gegenwart der jüngsten „Griechenlandkrise“ – sprich: im 21. Jahrhundert der „Hilfspakete“, Bundestagsdebatten und Tsipras-Reden – kommt der Abend deshalb tatsächlich erst im dritten Teil an. Vorher setzt er sich – zweiter Schwerpunkt nach der Auftaktpassage zum griechischen Unabhängigkeitskrieg und „ersten Staatsbankrott“ – mit den Enteignungen und Massakern der Wehrmacht im Zweiten Weltkriege auseinander. Insbesondere mit den kruden Projektionen des „Dichters im Waffenrock“, Erhart Kästner, der damals im Wehrmachtsauftrag ein Buch über Griechenland verfasste, das in den antiken Griechen jubelnd die „Arier“ spiegelt sowie von „Burschen und Mädchen“ schwadroniert, die den deutschen Soldaten vom Straßenrand aus freudig zuwinken. Anschließend berichtet die Schauspielerin Mila Dargies in trefflichem Tourismusmarketingsound von der Nachkriegskarriere dieses Werks: „Aus dem bereinigten Wehrmachtsbericht ,Griechenland – Ein Buch aus dem Kriege’ wird ,Ölberge, Weinberge’, ein Kultreiseführer für Griechenlandliebhaber“ – den jeder deutsche Bildungsbürger, der auch nur ansatzweise etwas auf sich hält, auf dem ambitionierten Hellastrip denkwürdig ahnungslos in der Urlaubstasche führt.

Kroesingers Theater, dem häufig inszenatorische Sprödigkeit vorgeworfen wird, kommt diesmal zudem überdurchschnittlich theatral daher: In einem ewigen Auf- und Umbauprozess stapelt das facettenreich auftretende Schauspielerquartett gefühlte Hundertschaften handelsüblicher Styroporboxen, in denen Lieferdienste normalerweise Essen transportieren, hin und her. Mal bauen sie es zur Akropolis auf, mal zum (Schulden-)Berg, und schließlich zum – schnell ramponierten – Euro-Zeichen.

Fast unmerklich folgt hier eins aus dem anderen, überlagern sich Klischee, Projektion, Realität: Die Boxen brillieren mit erstaunlicher semantischer Vielfalt. Sie lassen sich gleichermaßen zu Aktenbergen zweckentfremden wie zu allerorts weit aufgehaltenen Händen, auf die die Griechen verzweifelt ihre finanziellen Verpflichtungen verteilen: Die Bühne ist von griechischen 1-Cent- Münzen übersät, die im Laufe des Abends unermüdlich in irgendwelche (Banken-)Kisten rieseln, die dann rasch verschlossen und buchstäblich verschoben werden; aus dem Zentrum (des griechischen) Lebens an die (Bühnen-)Peripherie. Ein endloser Kreislauf der Finanz- wie Historienströme, die hier mal sorgfältig aufgearbeitet werden.

Wieder am heutigen Montag sowie vom 4. bis 6. Februar, 20 Uhr