Kultur : Grandhotel Abgrundlos

Johan Simons startet seine Intendanz an den Münchner Kammerspielen mit Joseph Roth

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Nein, draußen vor der Tür wie 1946/47 in Wolfgang Borcherts berühmtem Weltkriegsheimkehrer-Drama bleibt hier keiner. Gabriel Dan, der junge Soldat und vollkommen unheldische Held aus Joseph Roths 1924 erschienenem Roman „Hotel Savoy“, kehrt als Kind russischer Juden und Möchtegernschriftsteller um 1920 verwaist und mittellos aus sibirischer Gefangenschaft zurück in eine ostpolnische Provinzstadt. Aber er steigt sogleich ab im ersten Hotel am Platz.

Schon dieser scheinbare, wunderliche Widerspruch muss den Geschichtenerzähler Johan Simons gereizt haben. Der 64-jährige Holländer, der wie die meisten fantasievollen Menschen viel jünger wirkt, hat jetzt die Intendanz der Münchner Kammerspiele mitsamt den Protagonisten der vorangegangenen Frank-Baumbauer-Ära übernommen. Und natürlich bringt er Mitarbeiter und einzelne Schauspieler auch aus seinen erfolgreichen Zeiten als Leiter der europaweit berühmt gewordenen Hollandia-Gruppe („Fall der Götter“) und des Nationaltheaters Gent mit nach München.

Im Unterschied zu seinem zunächst gewöhnungsbedürftigen Landsmann Louis van Gaal hatte Fußballfan Simons allerdings schon vor seinem Wechsel an die Isar dort seine Visitenkarte hinterlassen und in der Theaterbundesliga gearbeitet.

Nach seiner Münchner Inszenierung von Heiner Müllers „Anatomie Titus“, mit der er auch beim Berliner Theatertreffen triumphierte, und einer Dramatisierung von Joseph Roths Roman „Hiob“, gleichfalls an den Münchner Kammerspielen und letztes Jahr in Berlin gezeigt, lassen Johan Simons die Themen Krieg und Entwurzelung, Armut, Revolte und Migration offenbar nicht los. Sie sind ja noch und wieder aktuell genug.

Aber das „Hotel Savoy“? Einmal mehr dieser in Wien und Berlin reüssierte, dann ins Pariser Exil und in Alkohol, Depression und Tod nach Paris getriebene Joseph Roth, dieser habsburgisch-polnisch-österreichisch-jüdische-weltbürgerliche Meistererzähler vom Untergang der alten europäischen Welt. Doch eben ein Romancier, kein Dramatiker, der nun wieder vertheatert wird von Simons und seinem Bearbeiter Koen Tachelet. Wie beim „Hiob“, den Simons in eine wunderbar dichte szenische Miniatur verwandelt hatte.

Zur Eröffnung einer neuen Kammerspiele-Intendanz sollte es freilich etwas Größeres sein. Das Theater an der luxuriösen Münchner Maximilianstraße liegt gleich gegenüber vom noblen Hotel „Vier Jahreszeiten“, wo jetzt die arabischen Prinzen und die neuen Russen absteigen (die einen Joseph Roth wohl animiert hätten). Weil man indes kritisch und empfindlich ist und im deutschen Stadttheater, versetzt man die Eröffnung räumlich nach hinten, in eine neue Spielhalle im Rücken des angestammten Hauses. Und man zitiert ein ärmeres Theater, als man es ist. Das allerdings ist keine Taktik, sondern ein ehrlicher Widerspruch – er passt vermeintlich zum „Hotel Savoy“.

Es geht um ein Haus mit 864 Zimmern, und die Menschen im Hotel sind Fabrikanten, Huren, Künstler und Schieber, Schwerenöter und Notbeschwerte, Reiche und Revoluzzer. Die ganze Welt ist ein Hotel, Bordell, Karussell: in einer multikulturellen Nach- und Zwischenkriegszeit, bedroht von Inflation, Revolution, Spekulation. Das klingt, bis heute, durchaus anspielungsreich, auch wenn der ominöse Hoteleigner ein Grieche sein soll.

Die Ärmsten wohnten damals in den obersten Stockwerken und die kapitalen Kriegsgewinnler unten in der Beletage. Simons Inszenierung jedoch spielt ganz parterre. Bert Neumann, bekannt von der Berliner Volksbühne, hat zwischen zwei längsseitige Zuschauertribünen einen von schäbigen Platten, Brettern und Sand markierten Korridor gebaut, der an den Schmalseiten der neuen, kahlen Halle, einer ehemaligen Probebühne, in zwei Kabinette mit Lift, Spiegelwand oder Puffsofa mündet. Die Atmosphäre aber bleibt zweieinhalb Stunden lang die einer modernen Turnhalle, in die man als Zierrat nun einen Kronleuchter gehängt hat.

Darin tritt der Kriegsheimkehrer Gabriel – in der bei Roman-Dramatisierungen typischen Doppelrolle als Erzähler und Darsteller – zunächst in Stiefeln und Unterhosen auf: Steven Scharf, ein hünenhafter Spieler, der erst einem schüchtern versonnenen Parzival gleicht, ganz Träumer, Mörder, Opfer, später fasst er als stiefelloser Zivilist mehr Tritt. Und bleibt doch als Liebhaber der armen kleinen Halbnackttänzerin Stasia so sonderbar gehemmt wie schon Roths Romanvorlage. Diese Stasia in Gestalt der jungen Holländerin Katja Herbers, die mit billigem Flitter, Stupsnase und bunter Federboa an die Sally Bowles der Liza Minelli einst in „Cabaret“ erinnert, sie ist mit ihrem mädchenhaft strahlenden Charme ein Lichtblick der meist spröden Aufführung.

Es gibt wohl schöne Momente: Der glühäugige kleine Stefan Merki als jüdischer „Lotterieträumer“ schaut fast aus wie auf Fotos der reale Glücksucher Joseph Roth; Brigitte Hobmeier, sonst eine derangierte Puffmadame, wechselt in einem (späten) Slapstick ganz fabelhaft schnell die spekulativen Männerrollen und stürzt sich als Chaplin-Marionette, an dessen Vorarbeiter der „Modern Times“ erinnernd, voraus ins offene Grab. Doch vieles bleibt nur langwierig zähes Andeutungs- und Aufsagetheater, dem die schmalen szenischen Skizzen von Schauspielern wie Stephan Bissmeier oder (dem als Titus und Hiob so brillanten) André Jung nicht recht aufhelfen.

Dass die Reichen obszön und die Armen prekär sind und das Hotel (das am Ende von oben abbrennt wie die New Yorker Türme) ein Welttheater bedeuten soll, diese Botschaft ist nur allzu klar und wahr – und künstlerisch platt. Gabriels Kriegsheimkehrerfreund Zwonimir gibt den einzigen wirklichen Revolutionär, doch selbst der sonst so prägnante Wolfgang Pregler macht daraus nicht mehr als eine schreiende Hampelnummer. Ein rasender Leerlauf, der in sentimentalem Stillstand, Hip-Hop und Theaternebel endet.

Georg Lukács, der sozialistische Theoretiker, hatte mit Blick auf die bürgerlichen Kollegen Adorno & Co. einmal vom „Grandhotel Abgrund“ gesprochen. Johan Simons ist mit seinem „Savoy“ nun eher gut gemeint in der Untiefe gelandet. Im Grandhotel Abgrundlos. Von dort kann es nur noch aufwärtsgehen.

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