Grassi-Museum in Leipzig : Töppe und Näppe

Die kleinen Großen (4): In Tagesreise-Entfernung von Berlin gibt es Museen, die immer noch Geheimtipp sind. Das Grassi-Museum in Leipzig zeigt Biedermeier als Pop-Art.

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Pracht und Prunk. Eine Ziervase aus dem 18. Jahrhundert in der Piranesi-Galerie.Foto: ddp Foto: ddp
Pracht und Prunk. Eine Ziervase aus dem 18. Jahrhundert in der Piranesi-Galerie.Foto: ddpFoto: ddp

In Tagesreise-Entfernung von Berlin gibt es Museen, die immer noch Geheimtipp sind – ein schöner Anlass für sommerliche Kunstfahrten. Zuletzt ging es ins Pommersche Landesmuseum nach Greifswald (am 25. Juli) – die dortige Gemäldegalerie ist derzeit allerdings zur Vorbereitung der Romantiker-Ausstellung geschlossen – , in den Ziegeleipark Mildenberg bei Zehdenick (4. August) und ins Gothaer Schloss Friedenstein (8. August).

Die Sache mit den Tassen. Als uns die Tante voller Enthusiasmus zu Weihnachten zwei Biedermeiertassen schenkte, waren wir ziemlich ratlos. Inzwischen wissen wir, was man mit solchen Schätzchen macht: Lustvoll inszenieren. Im Leipziger Grassi-Museum gibt es eine ganze Schauwand mit Biedermeiertassen. Vor knallfarbigem Hintergrund effektvoll beleuchtet stehen sie da. 94 Stück, immer dieselbe hohe Kelch- oder gestauchte Glockenform. Mit merkwürdigen, doch handwerklich perfekt gemalten Motiven geschmückt: Mitteleuropas komplette Flora und Fauna, Kathedralen, Monumente und andere Ausflugsziele, seinerzeit verehrte Symbole wie die Sixtinische Madonna oder das Eiserne Kreuz. Die Pop-Art einer als bieder verschrienen Zwischenkriegszeit. So wie in Leipzig arrangiert, sehen die Tassen ausgesprochen schick und relevant aus.

Die Tassen-Wand im Grassi wirft ein Schlaglicht auf den Zeitgeist einer prekären Epoche. Sie erzählt von den Wertvorstellungen, Idealen, Sehnsüchten unserer Ur-Ur-Ur-Großväter. Große Geschichte im Handlichen, Handwerklichen. Stoffliche Verbindung zur sogenannten Goethezeit. Mehr kann man von Kunstgewerbe, feiner ausgedrückt: angewandter Kunst, seit jeher das Aschenputtel-Genre der Kunstgeschichte, nicht erwarten.

Seit 1874 sammelt das Grassi-Museum in Leipzig das, was die große ostdeutsche Keramikerin Hedwig Bollhagen märkisch-schnoddrig als Töppe und Näppe bezeichnet hat: Objekte, die nicht Kunst sein sollen, sondern alltagstauglich, ohne ihr Kunstwollen zu verleugnen. Geschirre, Gläser, Bestecke, Ofenkacheln, Möbel und so fort. 1874 wurde historisches Kunstgewerbe vor allem gesammelt, um den geschmacksunsicher gewordenen (Kunst-)Handwerkern der Gründerzeit formschöne Vorbilder präsentieren zu können. Im Zeitalter von Ikea und Aldi ist die Beschäftigung damit eine echte Zeitreise geworden.

Dass es unter „Töppen und Näppen“ auch Sixtinische Madonnen und Mona Lisas gibt, begreift jeder, der in Leipzig genügend Zeit zum Hinschauen mitbringt. Das aus Elfenbein, Holz, Kupfer, Silber und Gold gefertigte Triumphkreuz des Barockbildhauers Balthasar Permoser zum Beispiel, knapp 1,20 Meter sakrale Skulpturenfeuerwerkskunst vom Feinsten, ist so ein Stück, für das sich die Fahrt nach Leipzig lohnt. Oder der Leipziger Ratsschatz, mit mehreren seltenen Eidbibeln und kostbaren Gold- und Silberpokalen: nach vier-, fünfhundert Jahren Zusammenhalt ein nahezu singuläres kommunales Kunstensemble.

Nach dem Berliner Kunstgewerbemuseum – mit seinem besucherfeindlichen Neubau am Kulturforum – ist das nach dem Leipziger Kaufmann und Mäzen Franz Dominic Grassi benannte Museum das zweitälteste Kunstgewerbemuseum Deutschlands. Wobei unter dem Label Grassi gleich drei Sammlungen im selben Haus zu finden sind: das Grassi-Museum für Angewandte Kunst, das Grassi-Museum für Völkerkunde und das Grassi-Museum für Musikinstrumente. Seit der Wiedereröffnung des vorbildlich restaurierten Gebäudes im Art-Déco-Stil im Dezember 2007 dürfte das Museum für Angewandte Kunst, um das es hier geht, jedenfalls das konkurrenzlos schönste seiner Art in Deutschland sein. Auch wenn es in Leipzig, der quirligen Machokunst-Metropole eines Bernhard Heisig oder Neo Rauch, wohl ein ewiger Geheimtipp bleiben wird.

Das zeigt schon der Standort: Während auf den 2004 eröffneten gläsernen Neubau des Museums der bildenden Künste, wo Rauchs malerische Herzensergüsse gerade publikumswirksam vermarktet worden sind, praktisch jeder stößt, der vom Hauptbahnhof aus die kompakte Leipziger Innenstadt abläuft, muss man das Grassi-Museum suchen. Doch wer die Verkehrsschneisen am Augustusplatz, wo zur Wendezeit die Demonstrationen stattfanden, glücklich überwunden hat, sieht es schon rosarot schimmern und leuchten: Das 1925 bis 1929 von Stadtbaurat Hubert Ritter errichtete Museumsschloss aus Rochlitzer Porphyr-Tuffstein trotzt dem Verkehrsgetöse. Im stillen Innenhof laden Bänke unter Bäumen und das Museumscafé „Kunstpause“ zur Einkehr ein. Ein Idyll in der Großstadt.

68 Jahre lang war diese Oase nur noch blasse Erinnerung. 1939 schloss das Museum kriegsbedingt seine Tore, 1943 und 1945 wurde es durch Bomben und Granaten bis auf die Außenmauern zerstört. Was folgte, war sozialistische Agonie und Misswirtschaft. Zu DDR-Zeiten bot das Haus, Anfang der fünfziger Jahre notdürftig wiederaufgebaut, neben den drei Museen auch der Verwaltung des VEB Baukombinat Leipzig Quartier. Fürs Kunstgewerbe blieben gerade mal fünf Schauräume übrig, die 1982 wegen Baufälligkeit geschlossen werden mussten. Beinahe das Ende. Zwar konnten 1994 ein paar Räume als Interimslösung wiedereröffnet werden. Für eine Sammlung mit einer sechsstelligen Zahl von katalogisierten Objekten blieb das der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein.

Wer heute das Grassi-Museum besucht, ahnt von den bleiern-grauen Zwischenkriegsjahrzehnten nichts mehr. Inzwischen präsentiert sich das Grassi als Erlebnisparcours, der dank der hauseigenen – nach 1990 wiederbelebten – GrassiMessen für Kunsthandwerk auf kontinuierlich aktualisierte Bestände zurückgreifen kann. Zukunft im Vergangenen und Zeitgenössisches, das Verbindungslinien hält: Wer die schrille Inszenierung barocker Kunstkammern, das liebevoll rekonstruierte Universum des römischen Rokoko-Kupferstechers Giovanni Battista Piranesi oder das fröhliche Miteinander von griechischer Archaik und Terrakotta-Skulpturen des Berliner Künstlers Robert Metzkes im Grassi gesehen hat, der ahnt zumindest, dass dort die Zukunft der Gattung Kunstgewerbemuseum insgesamt verhandelt wird.

Es gibt zwei Dinge, die am neuen alten Grassi-Museum besonders imponieren. Dank weitblickender Mäzene wie der Ostdeutschen Sparkassenstiftung, die mit der Rekonstruktion der zweigeschossigen Art-Déco-Pfeilerhalle das farbenfrohe Museum kontinuierlich weiterbauen, lohnt jeder neue Besuch. Und dank des üppig Dargebotenen wird unser Blick geweitet für das Wunder, das man Alltag nennt. Die ganze Welt auf einer Tasse: Wer sie begreift, ist glücklich.

Derzeit ist die Ausstellung „Gewebte Gärten. Orientalische Kelims“ zu sehen. Noch bis 26. September.

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