Kultur : Grau ist alles, was ich liebe

Von der Documenta zu Flick: Das Berliner Architekturbüro Kühn Malvezzi baut für die Kunst

Christina Tilmann

Ihre Lieblingsfarben zum Beispiel. In Berlin würde jeder vermuten: Gelb. So leuchtend gelb wie die großformatigen Buchstabenfelder, die das Architekturbüro Kühn Malvezzi auf dem Vorplatz vor der Berlinischen Galerie installiert hat. Fragt man einen Braunschweiger, würde der wahrscheinlich sagen: Rot. So rot wie die gigantische Freitreppe, die Kühn Malvezzi 2002 für das Festival Theaterformen vor die Fassade des ehrwürdigen Braunschweiger Theaters stellten. Gelb und rot, das könnte auch Wilfried Kühn akzeptieren: Signalfarben, keine Symbolfarben. Nichts vom Blau des Himmels und der Sehnsucht, oder vom Grün der Natur. Doch seine liebste Farbe ist: Grau.

Grau ist das Jackett, das der sympathische Lockenkopf, mit 37 Jahren der „Senior“ des Büros, an diesem grauen Berliner Frühlingstag im Café Aedes trägt. Grau die Schrift des Katalogs, der die Ausstellung bei Aedes begleitet. Grau die wandlangen Bänke, die Kühn Malvezzi in Kassel in die Gänge der ehemaligen Binding-Brauerei stellten, 2002 beim Umbau zur Documenta-Halle, ihrem ersten großen Auftrag. Und grau die Eisenwand, mit der sie 2004 in Berlin die Rieck-Halle für die Friedrich Christian Flick Collection abschirmten. Wie formuliert es Wilfried Kühn: „Grau ist die interessanteste Farbe, weil sie sich zu vielem verhalten kann. Grau kann kontextualisieren.“

Kontextualisieren: ein wichtiger Begriff für die Arbeit des jungen dreiköpfigen Architekturbüros, das sich in nur vier Jahren einen Namen in der Kunst- und Architekturwelt gemacht hat. Ein weiterer, von Wilfried Kühn im Gespräch gern verwendeter Begriff ist: konzeptuell. Ein Begriff, der die Architektur und die Kunst, die sie umfasst, verbindet. In dem ein ganzes Gebäude von Reflexionen, Metaebenen, Repräsentationen mitschwingt, ein Gedankengebäude. Und, vielleicht noch wichtiger, die Vorstellung von Vergänglichkeit, Vorübergehen. Viele Arbeiten von Kühn Malvezzi haben ihren Anlass nicht überdauert: Die Documenta-Brauerei wurde nach fünf Monaten wieder entkernt, die Theatertreppe abgebaut, selbst Flick hat seine Sammlung bislang nur auf sieben Jahre nach Berlin gegeben. Und die Ausstellungsarchitekturen, die Kühn Malvezzi für Frankfurt oder Wien entworfen haben, sind ohnehin nur auf Zeit.

Schon der Start war kühn: Als Documenta-Chef Okwui Enwezor im Jahr 2001 bekannt gab, das Architekturbüro Kühn Malvezzi werde die ehemalige Binding-Brauerei in Kassel zum Documenta-Ort umbauen, ahnte noch kaum jemand, dass auf dem Brauereigelände an der Fulda, abseits der üblichen Documenta-Trasse zwischen Friedericianum und Parkaue, das Herz der Documenta 11 schlagen würde. Ein Herz, gut verborgen in einem labyrinthischen Gewirr von Räumen und Gängen, welches einen raffinierten Parcours durch das hohe, weitläufige Gebäude vorschlug. Mit dem Binding-Umbau hatte sich das Büro für die Kunstwelt empfohlen. Wenige Monate später gab Friedrich Christian Flick stolz bekannt, er habe Architekten für den Umbau der monumentalen Rieckhallen neben dem Hamburger Bahnhof gefunden. Die Architekten hießen Kühn Malvezzi.

Hier hatte auch der Zufall seine Hand im Spiel. Gerade hatte das Büro, dem neben Wilfried Kühn sein zwei Jahre jüngerer Bruder Johannes und die Mailänder Architektin Simona Malvezzi angehören, neben Mailand und Wien einen Berliner Standort eröffnet, ein großzügiges Büro im weitläufigen Industriegebiet nördlich des Lehrter Bahnhofs, da flatterte der Flick-Auftrag ins Haus. Ein Bauauftrag in unmittelbarer Nachbarschaft. Berlin, für Architekten bekanntermaßen ein schlechtes Pflaster, hat Kühn Malvezzi aus anderen Gründen gelockt: die billigen Mieten und die Nähe zur Kunst. Für junge Architekten, die selbst Kunst sammeln und die Nähe zu ihren Künstlern schätzen, ist Berlin ein Muss. Dass der erste Auftrag gleich ein Berliner Großauftrag sein würde, war nicht vorherzusehen – doch als Türöffner natürlich praktisch. Es folgten der erste Preis für den Vorplatz der neuen Berlinischen Galerie, ein 4. Preis für ein Oberstufenzentrum in Berlin-Weißensee und – ganz aktuell – der erste Preis für die Umgestaltung des Kunstgewerbemuseums am Kulturforum. Eine Studioausstellung in der Berlinischen Galerie stellt noch bis 3. Juli 11 Bauten und Projekte des Büros Kühn Malvezzi vor.

Die Nähe zur Kunst pflegen die Architekten nicht nur als Sammler. Für die parallel zur Ausstellung in der Berlinischen Galerie angesetzte Präsentation in der Architekturgalerie Aedes West haben Kühn Malvezzi einen befreundeten Frankfurter Künstler gebeten, eine Installation zu entwerfen: Entstanden sind vier weißlackierte Holzskulpturen, die an die Stationen der Katalogproduktion erinnern, ein Arbeitstisch aus dem Grafikerbüro, ein Leuchttisch aus der Druckerei, ein Schneidetisch aus der Buchbinderei und ein Tisch aus der Kunstbuchhandlung Bücherbogen, die den Katalog vertreibt. Doch auch der Katalog, der auf den Tischen ausliegen soll, kommentiert sich selbst: er wird begleitet von Gesprächsprotokollen, die während der Produktion entstanden. „Zur Ausstellung erscheint eine Ausstellung, zum Katalog erscheint ein Katalog“, hat der Kunstkritiker Jörg Heiser bei der Eröffnung gesagt. Selbstreferenz, wohin man blickt. Die ersten Diskussionen zwischen Kühn Malvezzi und den Grafikern, die Riedels Künstlerkatalog dokumentiert, drehen sich übrigens um die Farben für die Einladungskarte. Und der Schutzumschlag des Katalogs ist – natürlich – grau.

jetzt/now/3: Kühn Malvezzi. Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124-128, bis 3. Juli. Am 9. Juni, 19 Uhr, diskutieren Kühn Malvezzi mit Michael S. Riedel und Gästen in der Berlinischen Galerie.

Momentane Monumente. Kühn Malvezzi /Michael S. Riedel, Galerie Aedes West, Savignyplatz, bis 16. Juni.

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