Kultur : Graumelierte Stimmung

ROCK

H.P. Daniels

Paul Motikat hat ein Gespür für einfache Melodien, und eine schöne Stimme: zwischen Lou Reed und Sven Regener. Dazu ein Trommler und ein Tastler mit Piano und Helge-Schneider-Schweineorgel. Es geht um gebrochene Herzen, schwarze Cadillacs, die weite Prärie. Wüstensound. Dabei kommt der Bursche mit der großen Brille aus Pankow. Spielt wunderbar minimale akkordige Gitarrensolos, Spaghetti-Reggae, Surf-Getwängel. Und eine Ballade, die sich nach John Lennon anhört und auch noch „Julia“ heißt. Gute Empfehlung für Motikats Konzert am 1.3. im Magnet. Doch jetzt die Hauptband im gut gefüllten Knaack : Dakota Suite . Chris Hooson aus Leeds mit Begleitung: Bass, Schlagzeug und einer mit Wollmütze. Was spielt der? Hört sich nach elektrischer Gitarre an, später nach Steelgitarre. Irgendwann auch nach elektrischem Rasierer, Staubsauger und Wäscheschleuder. Im Mittelpunkt steht Hooson: kurzgeschnittene, graumelierte Haare. Auch die Stimmung seiner Songs ist graumeliert. Die Stimme, kaum über Flüsterstärke, schliddert auf eisglatter Stille. Endlose Pausen zwischen den Songs, Unentschlossenheit, endlos lange Schlucke aus langen Wasserflaschen. Zeit klebt, zieht sich wie Kaugummi. „I feel sick“ singt er mit beängstigend trüber Weichheit. Mit Sorge fürchtet man den Ausbruch: abgefetzte Saiten, zertrümmerte Gitarren, Suizid auf der Bühne – aber es bleibt ruhig. Bis der Mißmutige sich die Hände vors Gesicht schlägt und von der Bühne stolpert. Musik, die Sehnsucht weckt: nach schwerem Bechergetränk, riesigem Döner und einer ordentlichen Dosis AC/DC.

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