• "Grenzenlose Heimat": Von Regierungen hofiert - Die Vertriebenenverbände sind immer noch ein Machtfaktor

Kultur : "Grenzenlose Heimat": Von Regierungen hofiert - Die Vertriebenenverbände sind immer noch ein Machtfaktor

Ralf Balke

Zu Pfingsten tagten sie wieder. Wie jedes Jahr veranstaltete die Sudetendeutsche Landsmannschaft ihr großes Treffen. Unter der Schirmherrschaft von Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber versammelten sich alte und junge Sudetendeutsche in farbenfroher Tracht, um der verloren gegangenen Heimat und all derer zu gedenken, die bei der Vertreibung aus der Tschechoslowakei ihr Leben gelassen hatten. Auch dieses Jahr machten sie mit Schützenhilfe der bayerischen Landesregierung lauthals ihre Heimat- und Besitzrechte geltend.

Handelt es sich bei der Sudetendeutschen Landsmannschaft und den anderen Organisationen, die dem Bund der Vertriebenen (BdV) angehören, nun lediglich um ein folkloristisch angehauchtes Randphänomen oder um eine politische Lobby von nicht zu unterschätzender Macht? Genau dieser Frage geht der Journalist Samuel Salzborn in einer aktuellen Studie über Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Vertriebenenverbände auf den Grund. Er verweist auf die rund zwei Millionen Mitglieder des BdV und der ihm angeschlossenen Organisationen. Allein das schiere demographische Gewicht, so Salzborn, mache deutlich, dass mit dem Bund nicht zu spassen ist. Und genau deshalb wurde und wird er von allen Bundesregierungen hofiert.

Noch im Oktober 1998 erklärte der frisch gekürte Staatsminister für Kultur, Michael Naumann, dass die Fördermittel des Bundes für den BdV nun zur Diskussion ständen, so zeigte sich rasch, dass seine Position nur kurze Zeit Bestand hatte. Das Geld fließt weiter reichlich. Selbst Bundeskanzler Gerhard Schröder versicherte in einem Schreiben an BdV-Chefin Erika Steinbach, dass "die Interessen der Vertriebenen für ihn und die gesamte Bundesregierung ein wichtiges Anliegen" seien.

Das sich der BdV auf Grund seiner Altersstruktur irgendwann von selbst auflöst, dagegen hatte man schon lange vorgesorgt. Intensive Jugendarbeit und die Tatsache, dass der Status des Vertriebenen vererbt wird, sorgten immer für "frisches Blut" in seinen Reihen. Dadurch wurde das politische Vokabular durch so schöne Kreationen wie "Abstammungsschlesier" und "Bekenntnisschlesier" bereichert. Gerade auf dem Feld der Kultur- und Jugendarbeit, so der frühere BdV-Chef Hans Neuhoff, finde die "zweite Schlacht um den deutschen Osten" statt.

Kaum einer der heutigen Verbandsvorsitzenden ist noch in Ostpreußen oder Schlesien geboren. Das hindert sie aber nicht daran, die Aussöhnungspolitik der Bundesregierungen mit den osteuropäischen Nachbarn seit Jahrzehnten nach Kräften zu torpedieren. Da macht auch Erika Steinbach, politische Ziehtochter von Alfred Dregger, keine Ausnahme.

Ohne Polemik analysiert Salzborn das Selbstverständnis der Vertriebenen und stößt dabei regelmäßig auf eine völkisch angehauchte Definition von Begriffen wie Ostpreußen und Sudetendeutschen. Zudem sehen sie ihre eigene Flucht im Kontext der zahlreichen ethnischen Säuberungen des letzten Jahrhunderts, etwa in Armenien oder dem Kosovo.

Ihre ständige Selbstfixierung auf die Opferrolle soll letztendlich darüber hinwegtäuschen, dass es schließlich auch Schlesier und Ostpreußen waren, die Hitler mit zur Macht verholfen hatten. Salzborns Buch zeigt, dass es bei dem Kampf um "das Recht auf Heimat" auch in Zukunft darum geht, entlang historischer Traditionslinien den Deutschen im Osten möglichst eine Sonderrolle zu verschaffen.

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