Griechenland : Akropolis, mon dieu!

Die Schulden und die Frage der Schuld: Anmerkungen zum deutsch-griechischen Verhältnis.

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Kopflos in der Krise. Das Wahrzeichen Athens – und der westlichen Kultur. Foto: ddpddp

Zum Glück stand nach dem Vortrag ein Herr aus dem Publikum auf , ein Grieche, der seit langem in Deutschland lebt – und fragte den Referenten Hagen Fleischer, ob in der aktuellen Anspannung, die zwischen Griechenland und Deutschland herrscht, nicht Dinge zusammengerührt werden, die gar nicht zusammengehören. „Natürlich“, sagte Herr Fleischer, der an der Universität Athen Geschichte lehrt und gerade in der Griechischen Kulturstiftung Berlin einen akribisch recherchierten Vortrag über die deutsch-griechischen Nachkriegsbeziehungen gehalten hatte. „Die Menschen neigen dazu, alles miteinander zu vermengen.“ Man möchte hinzufügen: Besonders panische Menschen (Deutsche, die Angst haben, dass eine mögliche Griechenland-Pleite ganz Europa in den Abgrund zieht) und verletzte Menschen (Griechen, die von der Verachtung, die ihnen entgegenschlägt, gekränkt sind) neigen zu Überreaktionen.

Bekanntlich bewegt die drohende Staatspleite Griechenlands vor allem eine zur Hysterie neigende Medienmaschinerie. Nicht nur die „Bild-Zeitung“ jonglierte mit Klischees und Stereotypen und pumpte ihre Berichterstattung mit reichlich Verachtung auf. Als der „Focus“ dann auf seinem Cover eine Aphrodite mit Stinkefinger zeigte (wem hält sie den Finger eigentlich hin?), schrien Teile der griechischen Bevölkerung förmlich auf. Griechische Zeitungen bemühten das Bild vom wieder einmarschierenden Deutschen. Verbraucherverbände riefen zum Boykott deutscher Produkte auf. Der griechische Vize-Ministerpräsident Pangalos schimpfte: Die Griechenland besetzenden Nazis hätten damals griechisches Gold aus der Nationalbank gestohlen. Die Deutschen sollten also ganz ruhig sein.

Das mit dem gestohlenen Gold stimmt zwar nicht, wie Hagen Fleischer nachwies, verweist aber auf eine griechische Wunde im deutsch-griechischen Verhältnis, die aus verständlichen Gründen bisher nicht wirklich heilen konnte. Beim Londoner Schuldenabkommen von 1953 wurde eine Verschiebung der deutschen Reparationszahlungen für die griechische Besatzung vereinbart – und zwar auf den Tag, an dem ein offizieller Friedensvertrag zwischen Deutschland und den Alliierten unterschrieben würde. Um sich aus dieser Verpflichtung zu mogeln, achteten die Deutschen bei den Verträgen, die 1990 die Wiedervereinigung möglich machten, peinlich genau darauf, das Wort „Friedensvertrag“ zu umgehen. Es fielen keine Zahlungen an.

Solange sich die Deutschen der Gräuel und Massaker an der griechischen Bevölkerung bewusst bleiben, sind sie sozusagen die Lieblingseuropäer der Griechen. Tun sie allerdings so, als sei nichts gewesen und fordern zum Beispiel, wie gerade geschehen, nassforsch den Verkauf griechischer Inseln, greift bei einigen Teilen der griechischen Bevölkerung der verständliche Reflex, ein Unrecht ins Gedächtnis zu rufen, dessen noch immer nicht angemessen gedacht wird.

Die aktuelle griechische Finanzkrise hat freilich nichts mit der Nazivergangenheit der Deutschen zu tun. Sehr wohl aber hat sie mit einer griechischen Mentalität zu tun, in der es zum bequemen Habitus gehört, sich grundsätzlich als Opfer der anderen zu sehen und damit Verantwortung für das eigene Tun abzulehnen. Wer jemals in Griechenland gelebt hat, wird die Redewendung esý ftais kennen. Sie bedeutet „Du bist schuld“ und wird gern auch in der allgemeineren Variante oi álloi ftaine (die anderen sind schuld) gebraucht.

Es tut mir in der Seele weh, dies als halber Grieche schreiben zu müssen, aber dort, wo in anderen Gesellschaften das Bewusstsein eines Gesellschaftsvertrages existiert, klafft in Griechenland ein riesiges Loch, das nicht nur Unmengen von Geld verschlingt, sondern immer wieder neues Misstrauen generiert. Es gibt im griechischen Alltag unselige Teufelskreise, die verantwortungsloses Verhalten fördern. Es beginnt bei den Politikern, die sich nicht dem Allgemeinwohl, sondern nur sich selbst, ihren Familien und ihrer Klientel verpflichtet fühlen. Der Eindruck, von den Politikern betrogen zu werden, führt wiederum dazu, dass sich der Einzelne von seinen bürgerlichen Pflichten entbunden sieht.

Das Fordern und Annehmen von Bestechungsgeld gehört einfach dazu, genauso wie die Handvoll Ausreden, mit denen man sein Verhalten rechtfertigt. Man sei gewissermaßen gezwungen, kleine Umschläge mit Geld anzunehmen, weil erstens das eigene Gehalt zu niedrig sei (was im europäischen Vergleich perfiderweise auch noch stimmt), es zweitens alle machten, die einen drittens für arrogant hielten, wenn man die ungeschriebenen Gesetze des Kollektivs breche. In Griechenland herrscht nicht die Angst vor der Steuerprüfung, sondern die Sorge, als Dummkopf beschimpft zu werden, weil man so blöd sei und Steuern zahle. Gesellschaftlich anerkannt ist noch immer ein Typus, den man als mángas bezeichnen kann, als schlauen Kerl. Er betrachtet den Staat einerseits als Feind, besitzt aber andererseits gute Kontakte zur Politik, um sich Vorteile und seinen Leuten eine Festanstellung in einer Behörde zu verschaffen.

Denn das ist das Paradoxe: So sehr man den Staat als böse verteufelt, so sehr wird er auch als guter Verwandter angesehen, bei dem man seine Kinder unterbringen möchte. Fast ein Drittel der griechischen Bevölkerung wird inzwischen von diesem guten Onkel versorgt. Dass dieses System irgendwann kollabieren musste, liegt auf der Hand. Der mutigste Satz von Ministerpräsident Papandreou in den letzten Wochen lautete deshalb: „Wir selbst sind schuld“ an der Finanzkrise. Er stellt das griechische Selbstverständnis auf den Kopf. Es stimmt, dass der hämische Grundton vieler Griechenland-Artikel unangemessen ist. Es stimmt aber auch, dass Griechenland nichts so sehr nötig hat wie einen Umsturz der eigenen Werte.

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