Griechischer Alltag (3): Warten am Geldautomaten : Schein und Haben

Wer in Griechenland lebt, hat zur Zeit ein anderes Verhältnis zum Geld und nimmt Euro-Scheine anders wahr als unsereins. Teil 3 unserer Serie mit Alltags-Notizen der Schriftstellerin Amanda Michalopoulou.

Amanda Michalopoulou
Am Geldautomaten gibt es nur 60 Euro. Da die Zwanziger-Scheine inzwischen Mangelware sind, läuft es meistens auf 50 Euro hinaus.
Am Geldautomaten gibt es nur 60 Euro. Da die Zwanziger-Scheine inzwischen Mangelware sind, läuft es meistens auf 50 Euro hinaus.Foto: Reuters

Ich lese gerade James Salters Roman „Ein Spiel und ein Zeitvertreib“, in dem der Held Dean Geld von seinem Vater verlangt, worauf ihm dieser spöttisch entgegnet: „Geld? Mein lieber Sohn, wenn du gewisse große Banken ausnimmst, ist es das einzige wesentliche Bedürfnis, das uns allen gemeinsam ist.“ Dean ist Amerikaner und möchte Geld haben, um weiter mit seiner jungen Geliebten durch Frankreich zu vagabundieren. In dem bezaubernd sinnlichen Roman lässt sich Dean nur von seinen Gefühlen bestimmen. Er fordert mit großer Beharrlichkeit und enormem Einfallsreichtum von allen Geld und denkt gar nicht darüber nach, wie er es wieder zurückgeben kann. Er lebt wunderbar und poetisch im Land der Lust. Er lebt für den Augenblick.

Es ist allerdings das Privileg eines Amerikaners, eine Unabhängigkeitserklärung à la Jefferson: Die Menschen haben die Institutionen geschaffen, um das individuelle Recht auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück zu sichern. In Europa ist eine solche Ordnung der Dinge beim Handeln undenkbar. Geld ist eine Belohnung, sein Mangel stellt eine Strafe dar. Und der Genuss des Geldes ist von Schuldgefühlen begleitet – nicht nur in der protestantischen Welt. Epikur hat es schon in der Antike gesagt: Wenn man den extremen Genuss vermeidet, vermeidet man auch den extremen Schmerz, der aus dem Mangel an diesem Genuss entsteht.

Es gibt schon eine App für Smartphones: "Finde den Geldautomaten"

Über solche Dinge denke ich nach, während ich vor dem Geldautomaten um den täglichen Fünfziger anstehe. Die Zwanzigerscheine sind selten geworden, also gehören die gesamten sechzig Euro, die der Staat uns täglich erlaubt, mittlerweile in den Bereich der Träume. Wobei gewitzte griechische Landsleute eine App für intelligente Handys installiert haben: „Finde den Automaten“. Sie informiert über Automaten, an denen es Zwanziger gibt, und über diejenigen, an denen das Bargeld ausgegangen ist. Die App hat bereits mehr als 20 000 User.

Aber ich habe kein intelligentes Handy, und so warte ich geduldig mit Salters Roman in der Schlange. Wenn ich an die Reihe komme, bin ich jedes Mal verblüfft, dass ein knisternder Fünfzigeuroschein in der Öffnung erscheint. Er kommt mir so sauber vor, so unecht. Ich stecke ihn in die Geldbörse, als wäre er ein gebügeltes Blatt Papier, und im Supermarkt behandle ich ihn respektvoll wie die Chinesen, indem ich ihn an beiden Rändern anfasse, um ihn nicht zu zerknittern. Irgendwie merkwürdig, dass die Geschäfte mit sauberem und nicht mit schmutzigem Geld getätigt werden. Dass die Geldscheine nicht vom Gebrauch zerfaserte Ecken oder Flecken und Risse haben. Ich habe ständig den Eindruck, ich spielte Kaufladen mit Kindern. Ich gäbe ihnen unechtes Geld und bekäme Karotten aus Plastik dafür.

Ich achte beim 50-Euro-Schein sogar auf die Signatur von Mario Draghi

Ich achte auf Dinge, die mir vorher nie aufgefallen waren. Zum Beispiel auf die Arkaden und Brücken im Renaissancestil auf den beiden Seiten des Fünfziger Scheins (Renaissance bedeutet Wiedergeburt!), auf die Signatur von Mario Draghi, die sepiafarbene Karte von Europa. Ich lese – als ob ich gerade erst buchstabieren lernte – das Wort Euro in griechischen und in lateinischen Lettern. Und mir kommt der Gedanke, dass im Falle eines Grexit das Wort Euro, das so groß und breit in griechischen Buchstaben auf allen Geldscheinen steht, wohl eine tragische Ironie darstellen würde.

Kostbar. Und auf der Vorderseite des Fünfziger-Scheins findet sich die Signatur von Mario Draghi.
Kostbar. Und auf der Vorderseite des Fünfziger-Scheins findet sich die Signatur von Mario Draghi.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Im Museum der Bank of Greece habe ich kürzlich gelernt, dass der Euro nicht aus Papier hergestellt wird, sondern aus Resten von Baumwollfasern. In diesem Museum begegnet man dem Geld wesentlich distanzierter: Dort gibt es die Prägestempel für die nationalen Münzen, aber auch eine Installation mit abgegriffenen, kaputten Banknoten in der Höhe von 1,5 Millionen Euro, wenn ich mich recht erinnere. Die kaputten Geldscheine sehen aus wie ein Kunstwerk, das die Relativität des Geldes zum Ausdruck bringt.

Ein vergleichbares Werk wurde gerade spontan am deutschen Pavillon der Biennale Venedig angebracht: Jasmina Metwaly, Olaf Nicolai, Philip Rizk, Hito Steyerl und Tobias Zielony haben am Eingang des Pavillons als Solidaritätskundgebung für Griechenland eine griechische Flagge mit dem Wort GERMONEY aufgehängt. Die Künstler sind vielleicht die Einzigen, die eine kollektive „postnationale Konstellation“ bilden, wie es Jürgen Habermas von Angela Merkel gefordert hat. Ich glaube, die einzige Art von Stolz, die ich in der jetzigen Situation noch empfinden kann, ist das Gefühl, ebenfalls zu dieser utopischen Kategorie von Menschen zu gehören, die sich mit der Erschaffung von Dingen befasst. Die sich zwischen den Polen der aktuellen Geschichte hindurchbewegt wie der Bosporus zwischen den Symplegaden, den Felseninseln an der europäisch-asiatischen Meerenge, die Symbole auf- und abhängt, die mit Bildern und Worten spielt, die schreibt.

Die Banken sind geöffnet, aber Geld in größeren Mengen kann man nicht abheben

Seit Montag sind die Banken in Griechenland endlich wieder geöffnet. Aber nicht für größere Abhebungen, sondern nur für Einzahlungen und Überweisungen. Die einzigen Banken, die in Athen uneingeschränkt funktionieren, sind die Zeitbanken. Sie entwickeln mit ihren Mitgliedern die Idee einer Tauschwirtschaft, für den Moment stellt dies eine gewisse Lösung dar. Ich würde den Banken gerne auch etwas anbieten, aber ich weiß nicht recht, was. Ein paar unentgeltliche Vorträge über den grandiosen James Salter? Ich fürchte nur, dass sich hier zurzeit niemand für Literatur interessiert.

Aus dem Griechischen von Birgit Hildebrand.

Amanda Michalopoulou, Jahrgang 1966, lebt als Schriftstellerin in Athen und auf den Inseln. Diesen Sommer drucken wir in loser Folge ihre Berichte aus Griechenland.

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