Griechischer Alltag (6): Auf der Insel : Die Fliegen von Naxos

In Athen spürt unsere Autorin die Angst. Aus der Insel Naxos versorgen sich die Menschen selbst - und die Krise scheint weit entfernt.

Amanda Michalopoulou
Die Insel Naxos
Die Insel NaxosFoto: Imago

Ein Wochenende auf Naxos. Aus den Schulbüchern hatte ich im Gedächtnis, dass Naxos die größte Kykladeninsel ist und dass Theseus hier Ariadne verließ, nachdem sie half, den kretischen Minotaurus zu töten. Was ich dann antreffe, ist einer dieser Orte, von denen die Touristen sagen, sie seien nicht von der Krise betroffen. Auch ich will mit den Augen des Fremden begreifen, warum die Menschen hier weniger angsterfüllt wirken. Was die Quelle der Tatkraft und des Selbstbewusstseins ist, der fehlenden Warteschlangen vor den Bankautomaten.

Ich bin auf die Insel gekommen, weil ich Patricia Barbeito, die amerikanische Übersetzerin meiner Erzählungen, besuchen will, eine halbe Naxiotin. Sie lehrt auf Rhode Island amerikanische Literatur. Jeden Sommer treffen sich Neograezisten von Universitäten der amerikanischen Ost- und Westküste bei ihr zu Hause und suchen an Stränden und in Bergdörfern, auf Wanderungen und in der Weinseligkeit nach einem Extrakt jener Heimat, die sie hinter sich gelassen haben. Die Auslandsgriechen sind immer ergreifend, denn sie lieben Griechenland mehr als die Einheimischen und sprechen davon mit einer Zärtlichkeit, wie sie uns als Empfindung fremd geworden ist. Patricia erzählt also voller Begeisterung vom Gemüsegarten ihrer Mutter, in dem Tomaten, Zucchini und Auberginen wuchern. Abends in der Taverne erfahren wir, dass die Gartenfrüchte aus der Landwirtschaft des Wirts stammen und den Gewinn des kleinen Betriebs vergrößern.

Ob man sich in einer gesunden Gesellschaft befindet, kann man vor allem an den Gesichtern der Menschen ablesen. Auf Naxos bin ich nicht den gekrümmten Gestalten begegnet, wie ich sie aus Athen kenne, ich habe auch niemanden gesehen, der im Müll herumwühlt. Das ist auf die Autarkie der Insel zurückzuführen, auf den Gemüseanbau, die Käsereien. Und auf ihre Geografie: Naxos hat keine ausbaufähigen Buchten, und so haben sich die Einwohner schon früh dem Ackerbau und der Viehzucht zugewandt.

Auf der Insel redet man nicht sonderlich viel von der Regierung und der Troika. Die Leute reden lieber von ihren Tieren und ihrem Käse und was sie in ihrem Garten anpflanzen wollen. Sie leben nicht in der Athener Angst, die vor einigen Wochen die Einkaufswagen im Supermarkt überquellen ließ, aus Angst vor dem Grexit. Für hysterisches Horten von Milch, Nudeln, Zucker ist hier kein Platz. Die Bewohner von Naxos hatten nie die geringste Befürchtung, dass ihnen die Milch für die Kinder ausgehen könnte. Hier gibt es eine Tauschgesellschaft.

Fernab der Athener Angst

Als ich klein war, glaubte ich, das Stadtkind, dass Tomaten in Holzkisten wachsen. Auf Naxos sehe ich, wie die Natur ununterbrochen aktiv ist, sie heilt und belehrt mich. Hier verstehe ich auch das Bild besser, das Homer in der Ilias gebraucht, als die Göttin Athene die Kühnheit des Menelaos mit der einer Fliege vergleicht, die sich so leicht nicht verjagen lässt. Am Ende unseres Mahls in der Taverne summen die Fliegen um die Teller herum. Und ich denke, um die unermüdliche Tatkraft der Fliege zu begreifen, muss man sie stundenlang aus der Nähe betrachten. In Athen kommen wir vor lauter Angst erst gar nicht dazu, etwas in Ruhe zu betrachten.

Aus dem Griechischen von Birgit Hildebrand.

Amanda Michalopoulou, geb. 1966, lebt als Schriftstellerin in Athen und auf den Inseln. Diesen Sommer drucken wir in loser Folge ihre Berichte aus Griechenland. Letzte Woche: Die Kinder und der Bildungs-Grexit

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