Griechischer Alltag (9): Wanderwege : Wanderer, kommst du nach Donoussa

Eine kleine Insel tut sich zusammen und baut in Gemeinschaftsarbeit Wanderwege. Ein Modell für einen Weg aus der Krise für all die kleinen Gemeinschaften fernab von Athen?

Amanda Michalopoulou
Mit der Fähre gelangt man auf die vielen Inseln im Ägäischen Meer.
Mit der Fähre gelangt man auf die vielen Inseln im Ägäischen Meer.Foto: Imago

Auf der Insel Donoussa schwimme ich jeden Morgen von einer Hafenseite zur anderen. In großen Zügen bis zum Kai. Auf der Höhe des Bäckers erreicht mich der Duft des frischgebackenen Brotes und der Mostkringel. Ein starker, beruhigender Duft, der die natürliche Trägheit besiegt. An windigen Tagen wirbeln Bougainvillea-Blüten durch die Luft und lassen sich wie winzige Seerosen auf dem Wasser nieder.

Zum ersten Mal habe ich von Anna Venetsanou etwas über diese Insel gehört, sie ist Lektorin für Neugriechisch an der New York University. Ihre Familie ist von Donoussa nach Astoria emigriert, einem Stadtteil von Queens, und hat dort das Restaurant Meltemi eröffnet. Im Sommer kommen sie alle wieder zurück. So hatte ich die Insel bisher nur mit der unregelmäßigen Schiffsverbindung und der Emigration in Verbindung gebracht – beides gehörte hier in den schwierigen 50er und 60er Jahren zum alltäglichen Schicksal.

Heute findet hauptsächlich eine Binnenmigration statt. Auf der abgelegenen Insel Donoussa ertragen die 17-Jährigen den vielen Wind, die Dunkelheit und die Stille im Winter nicht und setzen sich nach Athen ab. Dort lernen sie dann aus nächster Nähe die Arbeitslosigkeit kennen – und die damit einhergehende Desillusionierung.

Auf Donoussa habe ich zwei junge Leuten kennengelernt, die wieder zurückgekehrt sind, den Soziologen Ilias Prassinos und seine Freundin Ploumitsa. Sie haben vier Studios gebaut – ein Musterbeispiel des traditionellen Baustils – und in Kedros Beach eine Bar eröffnet. Und, noch wichtiger, sie spielten beim Anlegen von fünf Wanderwegen eine führende Rolle, die seit wenigen Jahren die vier Dörfer der Insel miteinander verbinden.

Freiwillligenarbeit

Nach der Ankunft auf der Insel habe ich mir den Wanderführer dazu gekauft. Es ist kleines Buch mit allen interessanten Orten – Strände, Mühlen, Quellen, Platanen, eine Siedlung aus der geometrischen Zeit, aber auch das Wrack eines deutschen Schiffs, das im Zweiten Weltkrieg von britischen Fliegern versenkt wurde. Ich habe mich zu Ilias durchgefragt und von ihm erfahren, dass die Wege nicht wie üblich von professionellen Wegebauern angelegt worden sind, sondern von ungefähr einem Dutzend Einheimischen im Alter zwischen 15 und 45 Jahren, die die Trockenmauern wieder errichtet und mit ihren Kreuzhacken die phönizischen Wacholderbüsche herausgeholt haben. Die Freiwilligen arbeiteten mit Unterstützung der Präfektur und richteten eine Wegekasse ein, in die das Geld aus dem Verkauf der Wanderführer fließt. Damit wollen sie die Fortsetzung ihrer Pläne finanzieren, die Zusammenführung der einzelnen Pfade und ihre Integration in die europäischen Fernwanderwege.

Wieso machen diese Wege einen derart großen Eindruck auf mich? Einerseits wegen ihrer natürlichen Schönheit, aber auch wegen des zusätzlichen Werts. In der Welt von Homer wird das Lied des Sängers, der Gesang also, den man bei ihm bestellt, oíme genannt, das bedeutet „Weg, Pfad“. Sowohl in der epischen Dichtung als auch im Straßennetz bildet der Pfad eine Umgehung der großen befahrenen Straßen, eine Suche nach geheimen Zusammenhängen, eine Möglichkeit des Improvisierens. Im Anlegen von Pfaden kann man symbolisch die Abweichung sehen, den alternativen Weg. Man könnte es auch so sagen: Die Rückkehr auf die Insel, das bedeutet Solidarität, Dezentralisierung, Wandertourismus. So hat Griechenland in den 40er und 50er Jahren funktioniert, als es keinen Staat gab: durch die Selbstverpflichtung zum eigenen Arbeitsbeitrag. Möglicherweise ist das ja auch in dieser Zeit, in der sich der griechische Staat in größter Bedrängnis befindet, ein Ansatz zu einer Lösung.

Auf einer kleinen Insel wie Donoussa mit zwei Orten von allenfalls je 100 Einwohnern und einer alten Frau, die ganz allein in Kalotarítissa lebt, begegnet man einem flexiblen Griechentum, das mit der Öffnung von Wegen experimentiert. Dies könnte ein Modell sein für andere Inseln, für andere kleine Gemeinschaften, die selbst jetzt, auf dem Höhepunkt der Krise, in Athen die alleinige Lösung sehen.

Amanda Michalopoulou, Jahrgang 1966, lebt als Schriftstellerin in Athen und auf den Inseln. Diesen Sommer drucken wir in loser Folge ihre Berichte aus Griechenland. – Aus dem Griechischen übersetzt von Birgit Hildebrand.

Diesen Sommer drucken wir in loser Folge ihre Berichte aus Griechenland. Die letzten Folgen waren Träume und Auf der Insel.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben