Grips-Theater : Unter Teufelskerlen

Für Menschen ab 15 Jahren: Das Grips-Theater bringt Jürgen Todenhöfers Buch „Inside IS“ auf die Bühne.

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Von rechts nach links: Esther Agricola als IS-Kämpfer, Asad Schwarz als Vermummter, Davide Brizzi als IS-Kämpfer und Patrik Cieslik als Frederic Todenhöfer.
Von rechts nach links: Esther Agricola als IS-Kämpfer, Asad Schwarz als Vermummter, Davide Brizzi als IS-Kämpfer und Patrik...Foto: Rainer Jensen/dpa

Jetzt ist der Krieg im Kinder- und Jugendtheater angekommen. Wo es sonst um Doppelstockbetten oder multikulturelles Camping ging, wird nun über abgeschnittene Köpfe und den Dschihad geredet. Gleich zu Beginn entbrennt ein Wortgefecht zwischen radikalen Hasspredigern und moderaten Imamen, die um die Deutungshoheit des Korans und die Herzen der Zuschauer streiten. „Wie könnt ihr schlafen, atmen, essen, wenn ihr wisst, dass Kinder, schwangere Frauen und alte Männer von Ungläubigen Tag für Tag erniedrigt, gefoltert und ermordet werden?“, wiegeln die Salafisten auf. „Das Wort ‚Dschihad' bedeutet im ursprünglichen Sinne vor allem Anstrengung für das Gute“, versuchen die Gemäßigten zu kontern. Glaubenskampf am Grips-Theater!

Klar könnte man ketzerisch fragen: Was gehen diese Fragen ein junges Publikum am Berlin Hansaplatz an, das mehrheitlich offensichtlich keine Moscheen besucht, wo es den Einflüsterungen von Gotteskriegern ausgesetzt sein könnte? Aber das griffe ein bisschen zu kurz. In seiner Inszenierung „Inside IS“ für Menschen ab 15 erzählt Regisseur Yüksel Yolcu schließlich nicht zuletzt von drei deutschen Konvertiten, die sich radikalisieren und in Syrien ihr Selbsterlebnis als Kämpfer für den wahren Islam suchen.

"Ich bin bei den besten Menschen der Welt", schreibt er seiner Mutter.

Solche Biografien verirrter westlicher Kinder sind ja gar nicht selten. Milo Rau hat das gleiche Thema erst unlängst in seiner Inszenierung „The Civil Wars“ beleuchtet. Yolcu – Regisseur unter anderem der Grips-Erfolge „Aussetzer“ und „Ein Fest bei Baba Dengiz“ – erzählt etwa von Fabian (Florian Kroop), der als Außenseiter mit abwesendem Vater beim IS landet. Seiner Mutter schickt er noch ein Video, in dem er verkündet: „Mach Dir keine Sorgen, ich bin hier bei den besten Menschen der Welt“. Kurz darauf erwischt ihn eine Kugel tödlich.

Der Hauptstrang der Erzählung ist allerdings der Reisebericht des Journalisten Jürgen Todenhöfer, auf dessen Buch „Inside IS“ von 2015 der Abend am Grips weitgehend basiert. Todenhöfer, den Christian Giese mit spröder Beharrlichkeit spielt, durfte exklusiv ins Kalifat der Terroristen reisen und sich zehn Tage lang sein eigenes Bild von ihrer verqueren Ideologie machen – begleitet von seinem Sohn Frederic (am Grips: Patrik Cieslik), der das Ganze mit der Videokamera festgehalten hat. Eine hoch umstrittene Aktion, die viele Publizisten vor allem für einen geglückten PR-Coup des IS hielten. Zumal Todenhöfer bereitwillig die Hauptschuld für alle Gräuel im Nahen Osten beim Westen verortet und den IS zum „Kind des Irakkrieges von 2003“ erklärt.

Autor Todenhöfer ist bei der Premiere anwesend

Nun spräche, gerade auch im Kinder- und Jugendtheater, nichts gegen eine kritische Auseinandersetzung mit der Weltsicht Todenhöfers und seiner Reise als embedded journalist. Die findet allerdings zu wenig statt. Der ehemalige CDU-Hardliner rückt vielmehr als unbestechliches Frontschwein auf mutiger Mission ziemlich penetrant ins Zentrum. Todenhöfer – der zusammen mit seinem Sohn die Premiere am Hansaplatz besucht hat – sei einer, der sogar mit dem Satan sprechen würde, um die Wahrheit zu erfahren, heißt es wiederholt. Zunächst muss sich der Teufelskerl auf der Bühne allerdings damit bescheiden, mit deutschen Dschihadisten zu skypen, die vor ihrer vermeintlichen Erleuchtung gern Fettes Brot und Deichkind gehört haben.

Trotzdem: dass Yolcu und das Grips sich mit diesem Stoff auf ein durchaus brisantes politisches Feld vorwagen, ist ihnen anzurechnen. Und gerade in den Passagen, die von den Abwegen der Konvertiten handeln, ist der Abend stark in seiner Ambivalenz. Wenn zum Beispiel die Melanie (Esther Agricola) von ihrer Pilgerreise nach Mekka erzählt: „Ich habe solange geweint, bis alles Schlimme aus mir raus war. Allah hat meine Seele berührt. Seitdem kann mich nichts mehr aus der Bahn werfen.“

Wieder am 15., 28. und 29. Oktober

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