Kultur : Große Bosse, kleine Arschlöcher Wie der Eichborn Verlag in die Krise geriet

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Neulich meldete sich auch Vito von Eichborn zu der Fastpleite des von ihm 1980 gegründeten Eichborn Verlags, von Mallorca aus, wo er residiert und Schreibwerkstätten und einen Kleinverlag mit Mallorca-Titeln unterhält. „Dieses Haus ist nicht so leicht umzubringen“, sagte er, die Substanz sei da, der Name. Vermutlich klammern sich nach dem Insolvenzantrag die Eichborn-Mitarbeiter auch an solche Worte. Immerhin verkündete der Betriebsrat, dass das Geschäft weiterlaufe. Auch der Insolvenzverwalter sandte positive Signale an Verlag und Autoren, dass das Herbstprogramm nach Prüfung der marktwirtschaftlichen Erfolgsaussichten in großen Teilen erscheinen könne.

Dass dem Eichborn Verlag vielleicht wirklich nicht so leicht der Garaus gemacht werden kann, zeigt die für sein Alter turbulente Geschichte. Bis Mitte der neunziger Jahre wuchs der Verlag stetig, beim Programm, Personal, Umsatz. Und schon 1980 stieg man nicht klein, sondern groß ein mit 35 Büchern im ersten Jahr und scherte sich nicht um verlegerische Gepflogenheiten oder ein scharfes Profil. „Man muss auf vielen Hochzeiten tanzen“, sagt der 1994 ausgestiegene Vito von Eichborn heute noch.

Das tat man bei Eichborn: Anspruchsvolles, Humoriges, Buntes, Trashiges, alles dabei. Das spiegeln auch die großen Verlagserfolge wider, zum Beispiel „Der große Boss“, eine flapsige Nacherzählung des Alten Testaments. Oder Walter Moers’ „Das kleine Arschloch“, mit dessen Millionen sich der Verlag die ambitionierte „Andere Bibliothek“ zulegte, wo etwa Bücher von W.G. Sebald oder Christoph Ransmayr veröffentlicht wurden.

Nach der ersten Krise 1993/94 und einem kurzen Hoch nach dem Börsengang 2000 begann das Siechtum. Eichborn hatte sich mit dem Börsengang übernommen. Auf einmal wurden Filmstoffe vermarktet, eine Harry-Potter-Merchandising-Linie aufgelegt, eine Berufsratgeberreihe gegründet. Die Verlagsleiter gaben sich die Klinke in die Hand, Walter Moers zog von dannen, und Mitbegründer Matthias Kierezck schied 2007 aus, nachdem er zuvor schon seine Aktienmehrheit an den Investor Ludwig Fresenius verkauft hatte. Als dann der langjährige Eichborn-Berlin-Chef und Sven-Regener-Entdecker Wolfgang Hörner von Bord ging, schien es mit dem literarischen Kerngeschäft nicht mehr weit her zu sein.

Es ist etwas Wahres dran, wenn der Betriebsratsvorsitzende Mirlach nun sagt, der Verlag habe diesen Herbst „eines der stärksten Programme der letzten Jahre“. Bücher von Elmore Leonard, DBC Pierre, Annegret Held und Jasper Fforde gibt es, auch das Sachbuchprogramm schaut mit Titeln von Bettina Gaus, Christoph von Marschall oder Jürgen Roth gut aus. Da könnte noch was gehen. Wiewohl ein starkes Programm keinen Erfolg am Markt garantiert. Gerrit Bartels

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