Kultur : Große Liebe

Berlins Philharmoniker und Rattle spielen Messiaen

Sybill Mahlke

Die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker sind auf 13 angewachsen, da sie mit einer Orchesterstelle mehr wuchern können als zu ihrer Ensemble-Taufe 1972. Alle ihre Musik aber bezieht sich auf „die Zwölf“. So hat bei jedem Auftritt ein Mitglied frei, ohne auf das schicksalsträchtige Grollen einer 13. Märchenfee verfallen zu müssen. Götz Teutsch, inzwischen als Einziger aus der Gründergruppe in dem verjüngten Kreis verblieben, macht Musik in Graz. Pausieren heißt auf philharmonisch: Konzertieren.

Eine Uraufführung von dem in New York wohnenden Chinesen Tan Dun kündigt sich an. Jeder Klang hat ein Leben, erklärt er seinen Hörern. Wie er das vormacht mit „Plop“ und Glissando und Ausschwingung, sieht man den asiatischen Ton vor sich, den Isang Yun mit dem Pinselstrich verglichen hat. Der hochreflektierten Musik des Koreaners aber, der europäischer Komponist geworden ist, bleibt Tan Dun sehr fern. Im Auftrag der Philharmoniker durfte er „Secret Land“ für Orchester und 12 Violoncelli schreiben, ein Werk, das sich auf das kulturelle Phänomen der Seidenstraße, Vernetzungen und inneres Bewusstsein beruft. Das Wunderinstrument der 12 Cellisten nähert sich der asiatisch-westlichen Postmoderne mit der Einfühlung in fremdes Instrumentarium, das die Musik malt, die aus kalligrafischem Glissando kommt. Das wird verquirlt mit Modischem wie Atemgeräuschen, Trampeln und Repetitionen, Rhythmus und Kantilene. Die angestrebte Synthese der Weltkulturen vermarktet sich als „Weltmusik“ im Sonderangebot. So geht es vielen Worldcross-Projekten, im Unterschied zu dem Kampfkunstfilm „Tiger & Dragon“, dessen Musik Tan Dun mitverantwortet hat.

Messiaens Zeit ist gekommen, weil sich seit der Uraufführung der „Franziskus“-Oper die interessantesten Dirigenten seiner Musik widmen. Mit „Éclairs sur l’Au-delà“ haben Simon Rattle und die Philharmoniker eine große Stunde von bezwingender Ernsthaftigkeit.Das riesige Orchester klingt wie von innen, die Meditation glühend, die Vogelstimmen himmlisch. Die letzte vollendete Komposition Messiaens hat einen Satz, der „Demeurer dans l’Amour“ heißt. Den Streichern vorbehalten, wird er unter Rattle zu einem demütigen Hymnus, einem Traum von göttlicher Liebe, gespielt als ein Meisterstück philharmonischer Konzentration.

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