Kultur : Große Oper, Geist der Zeit

Der Baumeister von Köln: eine Ausstellung erinnert an den Architekten Wilhelm Riphahn

Bernhard Schulz

Erst im Abstand nunmehr eines halben Jahrhunderts wird den großen kulturellen Leistungen der Nachkriegszeit ein unvoreingenommener Blick zuteil. Der Wiederaufbau der bombenzerstörten Städte gehört dazu. Sowohl die von Alexander Mitscherlich Mitte der Sechzigerjahre beklagte „Unwirtlichkeit unserer Städte“ eine Folge dieses Wiederauf- oder vielfach eher doch Neubaus war, so sehr verdienen die städtebaulichen Maßnahmen nach 1945, aus dem Kontext ihrer Zeit heraus beurteilt zu werden.

Das gilt etwa für Köln, eine der am stärksten vom Bombenkrieg in Mitleidenschaft gezogenen Städte überhaupt. Der bedeutendste Planer und Architekt ihres Wiederaufbaus, Wilhelm Riphahn (1889 –1963), ist über die Grenzen seiner Heimatstadt hinaus wenig bekannt geworden, wie sich denn sein Lebenswerk ganz auf Köln konzentriert. Ihm widmet das Kölner Museum für Angewandte Kunst jetzt eine Ausstellung ohne kalendarischen, dafür mit umso dringenderem aktuellen Anlass: Sein Hauptwerk, das Kölner Opernhaus von 1957, ist allen Ernstes von Verschandelung bis hin zum Abriss bedroht. Doch der Reihe nach.

1924 erregte Riphahn mit dem auf den Fundamenten eines Festungsturmes errichteten Restaurant der „Bastei“, das expressionistisch über die Uferwehr des Rheines auskragt, erstmals überregionales Aufsehen. Die offene, nur durch Glas geschützte umlaufende Terrasse ließ sich zwar auf Dauer nicht halten, doch auch heute noch teilt der gezackte Bau den Wunsch nach einer neuen Formensprache mit. Die 1932 fertig gestellte „Weiße Stadt“ hat es unverdienterweise nie zum Ruhm anderer Wohnsiedlungen ihrer Zeit geschafft, wie derjenigen von Bruno Taut in Berlin oder von Walter Gropius in Dessau und Karlsruhe. Dabei bedeutete Karlsruhe-Dammerstock eine enorme Ermutigung für Riphahns eigene Modernität, wie der ganz vorzügliche Katalog darlegt: Der Kölner Architekt wurde dort mit zwei Bauten betraut. Die parallel zu Karlsruhe im Entwurf begriffene „Weiße Stadt“ im industrialisierten Kölner Osten wurde daraufhin in hochaktueller Zeilenbauweise umgeplant und errichtet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam Riphahns ganz große Zeit. Der unter den Nazis begonnene Durchbruch einer Ost- West-Achse wurde von ihm zwischen 1945 und 1952 zum geschwungenen Verlauf der Hahnenstraße modifiziert und mit Pavillonbauten und zurückgesetzten Wohnzeilen begleitet, die nach entstellenden Zubauten heute kaum noch ihren einstigen Charme erahnen lassen. Bis in die Inneneinrichtung der Ladengeschäfte – darunter der „Stoffpavillon Moeller“ für die damals noch selbst schneidernde Damenwelt – reichte die Arbeit Riphahns und seiner Mitarbeiter.

Als programmatisch für den Geist der Nachkriegszeit kann das Gebäude des British Centre, „Die Brücke“ (1950), vor der zerstörten Silhouette der Kirche St. Aposteln verstanden werden. Jahrzehntelang spielte die Institution eine herausragende Rolle im Kölner Kulturleben.

Riphahns Entwurfstätigkeit gipfelte im Neubau des Opernhauses; an anderem, noch exponierteren Ort als der Vorkriegsbau und mitten im Trümmerfeld der Innenstadt. Bei der Eröffnungsfeier im Mai 1957 erklärte er, er habe „nichts anderes gewollt, als einen kraftvollen Bau in menschlichen Maßen, ohne falsche Repräsentation und im Geiste unserer Zeit zu erstellen“.

Kraftvoll: das ist das Kölner Opernhaus wie kaum ein zweites Beispiel dieser Baugattung nach 1945. Dem Bühnenturm ordnete er beidseitig schräg ansteigende, großzügig befensterte Proben- und Verwaltungsräume zu, die die Silhouette dieses Bauwerks unverwechselbar prägen, ebenso wie im Zuschauerraum die schubladenförmig vorspringenden Logen. Ein vergleichbar eindrucksvoller Entwurf gelang Riphahn beim benachbarten Schauspielhaus von 1962 nicht mehr. Die Wertigkeit beider Bauten im Stadtbild war damit festgelegt.

Köln hat in den beiden auf Riphahns Tod folgenden Jahrzehnten wenig nennenswerte Architektur hervorgebracht, man denke nur an die fürchterliche „Domplatte“. Umso wichtiger wäre es, dass die Stadt, die sich doch so gerne als Rhein-Metropole sehen möchte, ihres bewahrenswerten Erbes erinnert – und mit einer Grundsanierung des Opernhauses Ernst macht. Die Riphahn-Ausstellung wäre dazu ein würdiger Anstoß.

Es ist übrigens eine Ironie der Geschichte, dass sie im bedeutendsten öffentlichen Bauwerk seines Kollegen und Konkurrenten Rudolf Schwarz stattfindet, das 1958 als Wallraf-Richartz-Museum eröffnet wurde und gleichfalls Ausweis ist einer Zeit, die ungeachtet ihrer materiellen Not große Architektur hervorzubringen vermochte – weil sie ein Bewusstsein besaß für deren Notwendigkeit.

Köln, Museum für Angewandte Kunst, bis 2. Februar. Katalog im Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 29,80 €.

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