Kultur : Große Revolutionen: Von Babylon bis Berlin

Gerald Glaubitz

Schüsse, Pulverdampf, bewaffnete Volksmassen, die das Winterpalais stürmen. So hat der sowjetische Regisseur Eisenstein 1927 die Ereignisse der bolschewistischen Machtergreifung in seinem Spielfilm "Oktober" heroisch verklärt. So weit das revolutionäre Klischee. Der unmittelbare Akt der kommunistischen Machtergreifung ging in Wirklichkeit jedoch fast lautlos vonstatten, mit sehr viel weniger Gewalt und mit weniger Blutvergießen. Aber Revolutionen stellt man sich gemeinhin als blutigen Massenaufruhr vor. Und dies nicht ganz zu Unrecht, wie der nun erschienene Sammelband "Große Revolutionen der Weltgeschichte" zeigt.

Peter Wende, der Herausgeber und Leiter des Deutschen Historischen Instituts in London, widmet sich zusammen mit 19 teilweise namhaften Historikern der kurzen, dabei nüchtern-sachlichen historischen Aufarbeitung. Nach einem stichwortartigen chronologischen Abriss der jeweiligen revolutionären Prozesse erhält der Leser in jedem Kapitel eine geraffte Darstellung der Ereignisketten, für die sich in der Wissenschaft das Etikett "Revolution" eingebürgert hat: Die Spannweite der behandelten Themen reicht dabei von der altorientalischen Revolution im Zweistromland Babylons (3. Jahrtausend v. Chr.), über den Bauernkrieg (1525), die "atlantischen Revolutionen" in England (1640-1660), Nordamerika (Höhepunkt die Unabhängigkeitserklärung von 1776) und Frankreich (ab 1789), bis zu den die Welt verändernden Umbrüchen des 20. Jahrhunderts: die Machtergreifung der Bolschewiki vom 7. auf den 8. November 1917 in Petrograd, der Sieg Mao Zedongs und seiner Roten Armee 1949 in China und die "friedliche Revolution" vom Herbst 1989.

Notwendiger Streit ergibt sich darüber, ob alle hier als "Revolution" bezeichneten Ereignisketten den Begriff verdienen. Obwohl das Buch als einführende Lektüre in die Geschichte wichtiger Revolutionen zu empfehlen ist, hat es ein Manko: Die Theorie kommt zu kurz. Wünschenswert wäre die Beschäftigung mit der Frage gewesen, warum die Ereignisse der einzelnen Kapitel als "Revolution" zu bezeichnen seien. So fehlt der "rote Faden".

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