Kultur : Grüne Suppe

Wie geht es dem Spreewasser in diesem Sommer? Der Künstler Johan Lorbeer fischt im Trüben

Richard Rabensaat

Der Künstler Johan Lorbeer ist ein zurückhaltender Mensch. Mit seinen Aktionen möchte er niemandem zu nahe treten, aber doch so weit auffallen, dass sie nicht einfach übersehen werden können. Deshalb steckt die rechte Hand von Lorbeer in einem riesengroßen, schwarzen Latex-Handschuh. Das Gummigebilde schwimmt in einem großen Bassin aus Plexiglas, das mit 900 Litern Spreewasser gefüllt ist. Lorbeers Körper schwebt an der Außenwand des hoch gestellten gläsernen Beckens. Der ohnehin nicht sonderlich große Künstler mutet dabei wie Auswuchs des Aquariums an: Zweieinhalb Stunden verharrt er in der Pose.

Den Gesetzen der Schwerkraft scheint er zu widersprechen. Der Künstler hängt in der Luft. Dabei ist offensichtlich, dass allein die Körperkraft nicht ausreichen kann, um eine solche Position über so lange Zeit beizubehalten. Dieser seltsame Schwebezustand, den das Wasser in dem Bassin unterstützt, ist Lorbeers Thema. Auch bei anderen Aktionen verharrt er ohne ersichtlichen Halt in ungewöhnlichen Posen im Raum. Er steht waagerecht wie Spiderman an einer senkrechten Wand, oder sitzt an einem Bürotisch, allerdings ohne von einem Stuhl gestützt zu werden.

Bei seiner neuesten Performance mit dem Titel „Spreewasseranalyse“ schimmert grünliches Wasser in dem großen Glasbehälter, in dem sein Arm schwerelos baumelt. Der Titel steht auf der Ankündigung, aber der Künstler gibt auf Anfrage auch Auskunft über das im Bassin befindliche Nass, das er an der Jannowitz Brücke entnommen hat. Ein Analyseinstitut hat ihm mitgeteilt, dass dort das dreckige Regenwasser des Alexanderplatzes in die Spree geleitet wird. Spreewasser musste es sein, weil die Performance in Berlin stattfindet. „In Köln würde ich vielleicht Wasser aus der Kaffeemaschine des Museums nehmen“, sagt der Künstler. Lorbeer setzt sich mit dem jeweiligen Objekt seines Arrangements gründlich auseinander. Niemals würde er sein Wissen aufdringlich herausposaunen, aber interessierten Betrachtern erzählt er gerne, was er so alles herausgefunden hat.

Beispielsweise, dass der Wasserdruck den Handschuh viel stärker zusammendrückt, als er bei der Vorbereitung der Performance erwartet hatte. Als Lorbeer später den Arm aus dem Plastikgebilde zieht, ist der rot angelaufen. Die still life performances von Lorbeer wirken nicht angestrengt. Aber sie erfordern erheblichen Körpereinsatz. „Ich kann sehr lange in einer Pose verharren“, erklärt Lorbeer sein ungewöhnliches Talent. Manche bekämen bei ähnlichen Versuchen Kreislaufbeschwerden. Im seinem „Proletarischen Wandbild“ steht er beispielsweise im orangefarbenen BSR-Anzug waagerecht an einer senkrechten Wand und hält dabei einen Besen in der Hand. Das wirkt an einer Außenwandfassade skurril, im white cube einer Galerie, in dem feste Orientierungspunkte fehlen, gerät auch der Orientierungssinn der Betrachter durcheinander. Es kommt einem vor, als habe sich der Raum um die eigene Achse gedreht. Die befremdliche Perspektive ist beabsichtigt; sie lenkt auch den Blick auf die Figur des Straßenkehrers, einen Berufsstand, der sonst kaum Beachtung erfährt. Häufig rückt Lorbeer alltägliche Vorgänge und Begebenheiten, deren Bedeutung unterschätzt wird, in den Mittelpunkt seiner Inszenierungen. Ihn interessiert das Besondere im Alltäglichen. „Zu Ehren meiner Mutter“ nannte er eine Performance, bei der er inmitten von 24 Tellern verharrt, die mit Stöcken und Bändern an seinem Körper befestigt sind.

„Bei den Vorbereitungen wurde mir klar, wie viele Teller meine Mutter gespült hat, um mich groß zu füttern“, erkannte der Künstler. Der 54-jährige Gastprofessor an der UdK will mit seinen Inszenierungen keinesfalls belehren. Er möchte Bilder schaffen, die zwar mit alltäglichen Abläufen verknüpft sind, die Wirklichkeit jedoch um eine entscheidende Kleinigkeit verschieben. Es dauerte einige Jahre, bis Lorbeer zu der von ihm gegenwärtig gewählten Form der Inszenierung fand. Schon während seines 1978 in Nürnberg abgeschlossenen Kunststudiums entdeckte er seine Vorliebe für die Inszenierung seltsamer Handlungsabläufe und Arrangements. Das war möglicherweise nicht zuletzt dem erheblichen Spaßfaktor geschuldet, den die Performancekunst bot. Lorbeer erinnert sich an eine Aufführung aus dem Jahre 1979, bei der er in London mit 14 elektrischen Küchengeräten hantierte. Kontaktmikrofone verstärkten deren Klang. „Die Leute tanzten zu der Koch-Performance, das klang wie Techno“, meint der Künstler heute. Nach seinem Studium verbrachte er zunächst einige Jahre in Asien und Amerika. In New York lernte er 1979 viele Künstler aus der damaligen Performanceszene kennen, auch John Cage und Laurie Anderson. Ähnlich wie die prominente Amerikanerin hantierte auch Lorbeer einige Zeit bei seinen Aufführungen mit großem technischen Equipment. Dann aber erkannte er, dass auch in minimalen Posen und Eingriffen große Möglichkeiten zur Verunsicherung des Betrachters liegen. Er begann Bilder zu arrangieren, in deren Mittelpunkt er als stilles Ornament verharrte.

Dass Lorbeer für seine Darbietungen häufig Stereotypen aus dem Berufsleben wie den Büroangestellten oder den Müllmann wählt, hat möglicherweise seinen Grund darin, dass der Künstler seinen Lebensunterhalt einige Zeit als Handwerker bestritt. Seine Performance bereitet Lorbeer ebenfalls wie ein gründlicher Handwerker vor. Das ist auch notwendig. Darüber, ob er bei der „Spreewasseranalyse“ wirklich mehrere Stunden in einer Pose verharren kann, entscheidet nicht zuletzt die Stabilität des unter der Kleidung angebrachten Stützgerüstes.

Johan Lorbeer, „Spreewasseranalyse Still Life Performance“, Galerie + Projekte Mathias Kampf, Auguststr. 35 (Mitte). Bis zum 8. August, täglich von 15.30 bis 18 Uhr. Weitere Infos: www.johanlorbeer.com

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