Kultur : Grundton in Moll

Die Ausstellung „Nostalgic Real“ in der Galerie müllerdechiara

Peter Herbstreuth

In den letzten zehn Jahren war nicht zu übersehen, dass sich die erfolgreichsten Künstler aus dem hohen Norden von ihren dunklen Ahnen Munch und Strindberg befreit hatten. Kunst aus Skandinavien erschien hell, klar und gewitzt. Dafür stehen Olav Christopher Jenssen, A. K. Dolven, Olafur Eliasson und auch Dragset & Elmgren. „Nostalgic Real“ bei müllerdechiara knüpft mit elf Künstlern aus Skandinavien an die Klischees des dunklen und mystischen Nordens wieder an. Und man erinnert sich an den Maler und Kritiker Hans Platschek, der meinte, er fürchte „Deutobolde, Symbolowitsche und Mystifitschinskys“ nicht wegen ihrer Virtuosität, das Dunkle noch dunkler zu machen, sondern wegen ihrer Sehnsucht, sich im Unverstandenen wohl zu fühlen. Diese Nostalgie trägt die Schau.

Die Künstlerinnen Ann-Sofi Sidén und Ejia Liisa Ahtila – letztere mit zwei Fotos eines Gehöfts in der Dämmerung für 14 500 Euro vertreten – hatten die Bewegung ins Finstere vor einigen Jahren eingeleitet. Von ihnen sah man zwar keine „Seelenlandschaften“, aber fiebrige Varianten menschlicher Isolation. Der Blick richtete sich auf die Gesellschaft und sah Ödnis, Leere, Trauer wie die Urgroßväter in Landschaften und Porträts – nun aber als Videoprojektion in dunklen Kammern: veritable Psychokisten.

Dazu passt die Figur des Doppelgängers. Matts Leiderstamm kopierte zwei Gemälde des Rückenakts eines Hermaphroditen in düsterer Landschaft (8000 Euro). Maria Hedlund rückt den Dingen mit der Kamera so dicht zu Leibe, dass zwei Sessel wie Abgründe wirken (10 000 Euro). Année Olofsson zeigt den Rücken einer Figur, die in dasselbe dunkle Muster gekleidet ist wie der Teppich, auf dem sie steht (8500 Euro). Der Grundton tönt gleichbleibend in Moll.

In einer psychoanalytischen Deutung hatte der Kunsttheoretiker Thomas McEvilley die Figur-Grund-Beziehung mit der Ich-Welt-Beziehung verbunden. Werke, die die Figur im dunklem Hintergrund fast aufheben, drückten das Selbstverständnis der Künstler aus, sich im Allgemeinen aufzulösen. Solche Künstler suchen Sicherheiten und Retro-Tendenzen. Diese steile These gewinnt er analog zur prägenden Erinnerung eines Säuglings, der aufgehoben an der Mutterbrust schläft. Werke hingegen, die eine klare, scharfe Trennung von Figur und Grund betonen, zeigten den Drang, sich auszusetzen und Neues zu suchen. In „Nostalgic Real“ schläft fast alles an der Mutterbrust.

Manches sähe aber in anderem Kontext anders aus. Elina Brotherus beobachtet mit der Kamera eine blonde Frau vor dem Badezimmerspiegel, während sich sehr langsam Wasserdampf auf dem Spiegel niederschlägt und das Gesicht verschleiert. Keine große Sache, aber ein eindrückliches Bild, von dem man noch nicht weiß, welche Frage es beantwortet (5500 Euro). Niels Erik Gjerdeviks wie Teig verfließende Keramikformen sind Verballhornungen des rechten Winkels. Doch im Zusammenhang von Nostalgie sacken sie in sich zusammen und hauchen ihren Witz aus (5000 Euro).

müllerdechiara, Weydingerstraße 10, bis 29. März; Dienstag bis Sonnabend 12–19 Uhr.

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