Gstrein-Roman: "In der freien Welt" : Dominanz der Wirklichkeit

In der Spur von Zuckerman: Norbert Gstrein begibt sich mit seinem Roman „In der freien Welt“ auf alle Seiten des israelisch-palästinensischen Konflikts.

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Der österreichische Schriftsteller Norbert Gstrein
Der österreichische Schriftsteller Norbert GstreinFoto: Peter-Andreas Hassiepen/Verlag

Bevor dieser Roman überhaupt beginnt, ist man schon mittendrin in der literarischen Welt des österreichischen Schriftstellers Norbert Gstrein. In einer Welt, in der sich die Wirklichkeit und die Fiktion gegenseitig bedingen, aber nie über den Weg trauen, und in der man zumindest so leben sollte, „dass man es danach erzählen kann“, wie es eine seiner Figuren einmal schön hintersinnig gesagt hat. „Manches von dem folgenden ist wirklich geschehen“, so steht es jetzt auf der allerersten Seite von „In der freien Welt“, wie Gstreins diese Woche erscheinender neuer Roman heißt, vor der Widmung noch und dem eigentlichen Motto, „aber ich bin nicht ich, er ist nicht er, sie ist nicht sie, die alte Geschichte.“

Solcherart eingestimmt gleicht man natürlich sofort ein paar biografische Daten von Gstrein mit seinem Ich-Erzähler Hugo ab. Überschneidungen gibt es so einige, vom Beruf über die Herkunft bis zum Alter, inklusive eines Mathematik-Studiums und Aufenthalten an der Stanford University in San Francisco. Man erkennt jedoch bald, dass das in diesem Roman keine größere Rolle spielt. Hugo ist primär Mittel zum Zweck, Aufschreibsystem, Gstreins autofiktionaler Helfer. 

Gstreins Hauptfigur realisiert seinen Traum vom „Bild eines Juden mit Waffen“

Hugo fungiert einerseits als der Schriftsteller, der außer einem erfolgreichen, unter Pseudonym verfassten Buch länger nichts mehr veröffentlicht hat und nun die Geschichte der eigentlichen Hauptfigur dieses Romans erzählt: die seines amerikanischen, in der Bronx aufgewachsenen Freundes John, ein Künstler, Schriftsteller und Sohn einer Holocaust-Überlebenden, der im Alter von 61 Jahren in einer düsteren Gasse von San Francisco ermordet wird. Hugo plant irgendwann, aus dieser Geschichte ein Buch zu machen, „In der freien Welt“ eben. Und Hugo ist andererseits ein Mann, der schließlich zwischen die Fronten des israelisch-palästinensischen Konflikts gerät – in eine Wirklichkeit, die sich schwer erzählen lässt, die einer Literarisierung heftigen Widerstand leistet, wie Gstreins Roman im letzten Drittel demonstriert.

Als „Beobachter, Zeuge und Bewunderer“ stellt sich Hugo zunächst dar und beginnt nach der Todesnachricht, sich an John zu erinnern: an ihre gemeinsame Zeit in Kalifornien und an die letzten Begegnungen mit ihm, in Israel kurz vor Johns Ermordung, wo sie erstmals nach 25 Jahren wieder ein paar Tage allein zusammen verbringen, Tage, „die in mir das Glück von damals heraufbeschworen.“ Und auch von einem Literaturfestival im österreichischen Gmunden erzählt Hugo sich, auf dem John zusammen mit dem palästinensischen Schriftsteller Marwan aufgetreten ist: er als der Sohn eben jener Holocaust-Überlebenden, der aus seinen Erinnerungen „Days Like These“ liest; Marwan als Gewährsmann für das Elend in einem Flüchtlingslager in der Westbank. Am Ende dieses Treffens kommt die Idee eines gemeinsamen Buches auf, aus dem aber nichts wird.

"Weniger Bücher, mehr Wirklichkeit, weniger Denken, mehr Sex“

Es sind thematische, chronologisch mäandernde Ein- und Umkreisungen, die Gstrein in diesem ersten Kapitel unternimmt; er legt Motivketten aus, mitunter umständlich, weil er John in seinem widersprüchlichen Jüdischsein so komplex wie möglich porträtieren möchte. Aber auch die israelisch-palästinenische Problematik soll nicht zu kurz kommen, bis hin zu der Unterscheidung von „befreiten“ (so Johns Lesart) und besetzten palästinensischen Gebieten sowie dem Ausruf Johns über die Palästinenser, „es gebe kein Land, jedenfalls kein arabisches, in dem es ihnen besser gehe als in Israel.“

John erweist sich bei diesem Auftritt als voll und ganz hinter Israel und seiner Politik stehend; als ein Mann, der in seiner Jugend nicht nur im Kibbuz war, sondern auch am Libanon-Krieg der Israelis teilnahm, der im Gaza-Streifen imEinsatz war, dabei nicht zuletzt seinen ewigen Traum vom „Bild eines Juden mit Waffen“ realisierend.

Er ist jedoch dann wiederum der Jude, der das Schicksal seiner Herkunft nicht einfach so akzeptiert, sich dagegen auflehnt. Der von seiner Mutter geschlagen wird, der eingesteht, im Kibbuz nur deshalb gewesen zu sein, weil sich hier am einfachsten die schönsten Mädchen kennenlernen ließen. Der viermal verheiratet war, dessen Idole Jack Londons „Seewolf“ und die Figuren Hemingways sind, der Bilder malt, die „Self Portrait as a Hated Jew“ heißen, der gern sterben würde wie ein „Revolverheld im Western“.

Und der zu seinem Freund Hugo sagt, diesem täte es gut, „wenn ich mich einmal entspannte, weniger Bücher, mehr Wirklichkeit, weniger Denken, mehr Sex“. Oder auch: „Lieber bin ich das größte Arschloch in einem guten Buch als ein Heiliger in einem schlechten.“

John wechselt Meinungen, Seiten und Checkpoints

Gstreins John ist ein genauso widerständiger, betont schicksalloser wie auch gebrauchter Jude, wandelnd zwischen „Muskeljudentum“ und Zionismus, zwischen Zweifeln an Israel und Selbsthass, ein Jude, der auch Portnoy oder Zuckerman heißen könnte, so wie die bekanntesten Helden von Philip Roth.

Die Frage ist nur: Warum macht Norbert Gstrein das? Was treibt ihn? Ist es der stellvertretende, gezielt provokative Wunsch, sich „auf dem Rücken einen Juden zu nobilitieren“, einen gewissermaßen inkorrekten Juden, so wie es Hugo nach einem missverständlichen Gespräch mit einem Kritiker vorgeworfen wird? Zumal Norbert Gstrein naturgemäß nicht den Background eines Amos Oz, einer Lizzie Doron oder eines Sayed Kahsua hat.

Das fragt man sich insbesondere, wenn man seinen thematisch „In einer freien Welt“ ansatzweise ähnelnden Roman „Die englischen Jahre“ von 1999 kennt. Darin erzählt Gstrein eine jüdische Emigrations-Geschichte, die sich in ihrem Kern als Fälschung herausstellt, als ein Identitätswechsel; um die Wahrheit als Konstrukt geht es hier, um die Erinnerung als unsichere, immer von Interessen geleitete Kantonistin, denen beiden, Wahrheit wie Erinnerung, Gstrein seine Kunst als Schriftsteller entgegenstellt.

In „In der freien Welt“ aber liegt alles offen dar. Hier gibt es keine Wahrheits- und Erinnerungsfallstricke, in denen sich der Erzähler verheddert, höchstens auf Nebensträngen, wie der Erzählung, die der palästinensische Schriftsteller Marwan dann über den Mord an John schreibt, eine Erzählung, die so wahr erscheint, dass man meint, dieser Marwan wisse mehr oder stecke gar dahinter.

Das Wesen von John hat, bei aller Komplexität, aller Widersprüchlichkeit, etwas Geheimnisloses, Erwartbares, bis hin zu seinen Traumatisierungen, den von ihm geäußerten Zweifeln über seine Zeit bei der israelischen Armee, über die Kampfeinsätze im Libanon, die „furchtbaren Dinge“, die dort geschahen – und genauso geht es einem im dritten Kapitel dieses Romans, in dem von John kaum noch die Rede ist und Hugo vergeblich versucht, sich in Israel mit Marwan zu treffen, mithilfe von dessen Schwester Naima und ihrer Mitarbeiterin Amal.

Dabei wechselt er Meinungen, Seiten und Checkpoints, von Jerusalem und Tel Aviv nach Hebron oder Bethlehem und wieder zurück, stets vor dem Hintergrund einer potenziellen dritten Intifada, den realen Ereignissen: auf dass ja auch jede Facette des ewigen und unlösbaren israelisch-palästinensischen Konflikts aufscheinen möge, auf dass ja auch jede Seite mit ihrer eigenen Sichtweise, ihrer eigenen Wahrheit zu ihrem Recht komme.

Am Ende hat man jedoch den Eindruck, dass Norbert Gstrein mit all seiner Kunstfertigkeit, seiner schriftstellerischen Souveränität, seinem Misstrauen dem bloßen, abrundenden Geschichtenerzählen gegenüber, dieser brutalen, unübersichtlichen Wirklichkeit nichts entgegenzustellen vermochte.

Norbert Gstrein: In der freien Welt. Roman. Hanser Verlag, München 2016. 495 Seiten, 24,90 €